Wie Kinder trauern und wir sie dabei begleiten können

Weil Kinder nach einem Todesfall anscheinend nicht lange traurig sind, glaubte man lange, dass Kinder gar nicht trauern. Kinder denken und fühlen anders als Erwachsene, was es uns schwer macht, sie zu verstehen. Aber sie glauben und trauern nicht minder intensiv. Ihre Reaktionen auf Verlusterlebnisse sind inzwischen vielfältig beschrieben und erforscht worden. Es sollte dabei stets unser Ziel sein, die Kinder zu einem getrosten Weiterleben zu befähigen. Aber wie problematisch ist diese Aufgabe angesichts einer merkwürdig paradoxen Tabuisierung des Themas in unserer Gesellschaft?!

In der Trauerarbeit werden allgemein vier Trauerphasen unterschieden.

  • In der ersten Phase kann die Trauer überwältigend sein. Der oder die Trauernde ist emotional und kognitiv überfordert.
  • In der zweiten Phase brechen die Emotionen auf. Zorn und Wut machen aggressiv, Sehnsucht versucht die Situation in den Griff zu bekommen.
  • In der dritten Phase werden rückwärtsgewandte Denk- und Gefühlsbewegungen beschrieben oder das Suchen, wie das Lebensgefüge wieder hergestellt werden kann.
  • In der vierten Phase wird die Todeswirklichkeit in das Leben des oder der Trauernden integriert und kann akzeptiert werden.

Im Trauerprozess können solche Phasen auftreten, müssen aber nicht. Von der Idee her schon nicht als exakt nacheinander ablaufende Prozesse beschrieben können sie auch gänzlich fehlen oder vielleicht doch anders aussehen. Trauer ist eben sehr individuell und wenn eine andere Trauerreaktion als die der vier Phasen eintritt, muss das nicht heißen, dass nicht „richtig“ getrauert wird. Wenn aber Trauernde nicht so trauern dürfen, wie sie es fühlen und wollen, sondern so, wie man es von ihnen erwartet, dann kann Trauerbewältigung nicht hilfreich geschehen. Wie lange ein Mensch trauert und was ihm hilft ist sehr unterschiedlich. Wichtig ist, dass der Verlust akzeptiert und eine neue Beziehung aufgebaut wird. Wie gut ein Mensch mit seiner Trauer zurecht kommt, liegt an seiner inneren Stärke, die er aus seinen Erfahrungen und Erlebnissen gebildet hat. Seine natürlichen Kräfte helfen bei der traumatischen Trauererfahrung, so dass manche „gestärkt“ aus dieser Erfahrung heraus gehen. Für die Trauer der Kinder sind neben den eigenen Ressourcen und dem Willen zum Leben begleitende Erwachsene und Kinder wichtig und prägend.

Auf eine erschütternde Todesnachricht reagieren Kinder unterschiedlich. Manche verleugnen oder verdrängen den Verlust, womit sich kleine Kinder selbst schützen. Andere Kinder sind eher starr und teilnahmslos. Sie sind nicht gleichgültig, sondern im Schock. Und auch das ist Selbstschutz. Sonst eher auffällige und lebhafte Kinder reagieren manchmal mit Rückzug. Sie versuchen „lieb und brav“ zu sein, um die Bezugsperson zu gewinnen oder zu sichern. Innerlich sind diese Kinder aber aufgewühlt und durcheinander. Die Nachricht von einem Todesfall kann gleichsam empfindungslos aufgenommen werden. Nüchtern geht das Kind zu ganz Alltäglichem über. Damit ist das Ganze aber noch nicht akzeptiert. Das Kind versucht nur, ein Stück Normalität wieder herzustellen. Die erste Aufgabe in der Trauer besteht darin, dass das Kind die Tatsache des Todes begreift und akzeptiert. Kinder, die die Universalität und Totalität des Todes noch nicht erfassen können, werden dazu länger brauchen. Diese Erkenntnisse sind mit heftigen Gefühlsausbrüchen verbunden, die aber letztlich eine Bearbeitung und vielleicht auch schon Bewältigung dieser Aufgabe anzeigen.

Die Gefühlsausbrüche können sehr unterschiedlich sein. Wenn das trauernde Kind den oder die Verstorbene sehr geliebt hat, dann läuft diese Liebe nun ins Leere. Gefühle von Verlassenheit und Enttäuschung werden begleitet davon, dass auch ein Stück eigener Persönlichkeit verloren geht. Es fehlt die bestätigende Liebe des Gegenübers. Gefühle wie Wut, Zorn, Angst, Sehnsucht, Hass überfallen das Kind. Wenn sie ausgedrückt werden, wird auch die Realität immer mehr anerkannt. Aber für das Kind selbst ist das Gefühschaos irritierend und schwer auszuhalten. Manche Kinder werden aggressiv, weil sie seelische Verletzungen davon getragen haben. Gegen sich selbst, gegen den oder die Verstorbene/n, andere Menschen, Tiere, Dinge oder sogar gegen Gott aggressive Kinder haben es im trauernden Familienverband besonders schwer, weil sie „stören“. Hier ist es wichtig, keine Erwartungen zu haben, wie ein Kind zu trauern hat. Das Kind in seiner Not muss wahrgenommen werden. Dazu muss man ihm näher kommen, einen Weg finden, dass es sich öffnen kann. Moralische Urteile sind nicht angebracht. Das Kind, das soweit gekommen ist, dass es auch Schmerz und Trauer zulassen und aushalten kann, hat diese gefühlsbetonte Aufgabe erfüllt. Das wird mit einmal nicht zu erledigen sein und erfordert viel Geduld und Verständnis.

Können Schmerz und Trauer zugelassen werden, dann ist eine Auseinandersetzung mit dem oder der Verstorbenen möglich. Sehnsucht und Abschiedsschmerz wechseln sich ab und können das trauernde Kind sehr anstrengen. Die Sehnsucht lässt an Orten, an denen sich der geliebte Mensch aufgehalten hat, nach ihm suchen. Wenn es doch wieder wie früher wäre! Manche Kinder haben sehr nahe und reale Erlebnisse, die wahrgenommen und aufgenommen werden sollten, auf keinen Fall aber verleugnet oder getadelt. Sie beschäftigen sich intensiv mit der verstorbenen Person. Manche Kinder idealisieren sie oder identifizieren sich mit ihr, so dass sie auch deren Verhaltensweisen annehmen. So bleibt die Erinnerung lebendig. Es tut ihnen gut, wenn man gemeinsam an vertraute Orte geht und Erinnerungen austauscht. Vielleicht kann hier noch einmal gesagt werden, was nicht rechtzeitig zu Wort kam. Es tut gut, Dinge in der Hand zu halten, die dem geliebten Menschen gehörten. Kinder lieben solche „Erbstücke“, weil sie be-greifbare Spuren eines Lebens sind. Langsam kann das äußere Erinnerungsbild zu einem inneren Bild werden. Das zunächst immer und überall drohende Bild des oder der Verstorbenen verändert sich zu Spuren im Herzen und Leben des Kindes. Die großen emotionalen Anstrengungen zeigen auch ihre Folgen: Viele Kinder ziehen sich regelrecht „aus dem Verkehr“. Manche Kinder fallen in Verhaltensweisen früherer Entwicklungsstufen zurück. Es ist, als ob sie sich in ihre frühere heile Welt zurückversetzen wollten. Vielleicht brauchen sie aber auch in der allgemeinen Trauer mehr Aufmerksamkeit. Diese Rückschritte sind auch eine Schutzreaktion, weil die Trauer alle Kräfte zur Weiterentwicklung beansprucht.

Dass Weiterentwicklung möglich ist, zeigt der Wunsch nach Neuorientierung. Nun wird der Tod akzeptiert, mehr oder weniger, mit Kopf und/oder mit Herz. Das Kind hat seine Liebe zum Verstorbenen verändert. Es spürt, dass sie kein leibhaftes Gegenüber mehr hat, dass körperliche Reaktionen des geliebten Menschen nicht mehr zu erwarten sind. Das Leben hat sich verändert, und darauf kann es sich jetzt einlassen. Vielleicht vermisst es reale körperliche Zuwendung und kann deshalb jetzt auch auf andere Menschen zugehen. Der Erinnerungsschmerz tut nicht mehr so weh. Das bedeutet nicht das Ende der Trauer, denn wahrscheinlich werden kleinere Verluste noch länger als Katastrophen erlebt, weil alle Gefühle wieder aufbrechen. Die Verunsicherung über den Gedanken an die eigne Sterblichkeit wird kommen und ihren Ausdruck finden. Aber durchlebte Trauer ist auch für Kinder eine lebenswichtige Erfahrung. Alles wurde erschüttert, aber es geht weiter.

Es ist müßig, die Trauer der Kinder in ein Schema bringen zu wollen. Beobachtungen und Erfahrungen haben gezeigt, dass sie individuell und einzigartig trauern. Erwachsene müssen in der Trauerbegleitung die Selbstheilungskräfte der Kinder unterstützen und ihnen Freiräume geben, damit sie sich entfalten können.

 

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