Das Holz lebt und zwitschert wieder

Johannes Fiedler konzertiert auf einem historischen Cembalo – Der Bezirkskantor hat es selbst gebaut

Zufrieden mit dem Klang: Rund drei Jahre hat Johannes Fiedler am Cembalo gearbeitet. Bemalt hat es seine Freundin. Foto: Kunz

Er ist rein altersmäßig die jüngste Stimme im Chor der leitenden landeskirchlichen Musici in der Pfalz: Johannes Fiedler, 1990 in Hamburg geboren, wurde 2017 in der Nachfolge von Jürgen E. Müller zum Bezirkskantor für Bad Dürkheim gekürt. Wenn er als Solist am Cembalo auftritt – und das tut er oft und gerne, unter anderem mit der Süddeutschen Kammerphilharmonie Reutlingen – spielt er ein historisches Instrument, präziser, den Nachbau eines prachtvollen Cembalos aus dem 18. Jahrhundert. Ein echter Hingucker. Und vor allem: Fiedler hat es selbst gebaut.

Klavier und Orgel – das waren von klein auf „seine“ Instrumente, das Musizieren feste Größe neben dem schulischen Alltag. Auszeichnungen und Wettbewerbssiege purzelten bereits früh und bestärkten ihn auch später, während des Studiums an der Musikhochschule Stuttgart – unter anderem bei Ludger Lohmann – in dem gewählten künstlerischen Pfad.

Ab 2010 bereits erwarb sich Johannes Fiedler studienbegleitend als nebenamtlicher Kirchenmusiker in Stuttgart-Gaisburg, ab 2016 an der Stiftskirche Herrenberg, praktische Erfahrung vor dem Start in Bad Dürkheim. Die Kantorei, der Kammerchor Kleine Cantorey, Kinderchor, Kammerorchester, Seniorenchor und Kirchenmusikalisches Seminar – das Angebot an künstlerisch-pädagogischen Spielwiesen dort ist bunt und abendfüllend. „27 Konzertveranstaltungen weist der Kalender für 2018 aus“, präzisiert Fiedler. Als Organist tritt er sonntags, mit Ausnahme von Urlaub, in zwei Gottesdiensten an. Burg- und Schlosskirche wollen gleichermaßen versorgt werden.

Den Antrieb zum Eigenbau eines Cembalos begründet der junge Kirchenmusiker, erklärter Liebhaber und Spezialist für Alte Musik, zunächst ganz pragmatisch mit dem Kostenfaktor: „Für ein neues Cembalo zahlt man Minimum 25000 Euro.“ Nun sei der Eigenbau mit etwas handwerklichem Geschick, entsprechendem Material und Werkzeug kein Hexenwerk, es gäbe so etwas wie Bausätze. „Aber das war es nicht, was ich wollte.“

Denn längst hatte sich Fiedler in ein Original aus dem Jahr 1787 verguckt, das sich im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg befindet. Gebaut hat es der Franzose Pascal Taskin, es trägt die gefälschte Signatur „Anderias Ruckers 1636“. Taskin, selbst ein angesehener Instrumentenbauer, hatte den damaligen „Bestseller“ des flämischen Kollegen kopiert und nach französischem Geschmack moduliert, Tasten verkleinert, Tonumfang auf fünf Oktaven nebst Bass-e erweitert und den Corpus verändert. Obendrein ist die Klaviatur verschiebbar zwecks Transposition.

2013 begann Johannes Fiedler mit dem Nachbau des „Peau de Buffle“; Fachliteratur hatte er bis dahin in zahlreicher Auflage verschlungen, die Baupläne – „es gibt keine rechten Winkel“ – gründlich studiert, sich bezüglich der Materialien und ihrer Beschaffung kundig gemacht. Gemeinsam mit einem befreundeten Möbelschreiner wurde der Corpus aus Pappelholz gefertigt, mit einer Spachtelmasse nach alter Rezeptur verleimt. Das Fichtenholz für den Resonanzboden, gut und lange getrocknet, lieferte ein Instrumentenbauer aus Italien. „Aus einem Stück, nicht verleimt, müssen die Teile sein; die Seiten werden mit feuchter Hitze sorgsam gebogen.“ Aus Lindenholz ist die Klaviatur, der Belag aus Ebenholz, die Saiten aus Eisen beziehungsweise Messing für den Bassbereich.

Rezepturen für die Lacke fanden sich ebenfalls in historischen Quellen. Für die Plektren – die dornenförmigen Gebilde, welche die Saiten anreißen – verwendete man in der Regel Federkiele, später auch weiches Büffelleder (Peau de buffle), was Fiedler hier bei einem der vier Register verarbeitet hat.

Von Fertigung, Saitenaufzug und Intonation – „man muss vor allem absolut präzise arbeiten“ – einmal abgesehen: Schon der Zierrat des Instruments ist Augenschmaus pur. Feingliedrige Intarsien aus unterschiedlichen Hölzern breiten sich oberhalb der Klaviaturen aus. Den Resonanzboden schmücken die metallene Rosette und eine üppige Ornamentik aus Blumen- und Vogelmotiven. Durchaus gängige Themen übrigens mit metaphorischer Botschaft: Seht, das vermeintlich tote Holz – es „zwitschert“ wieder. Der gefällte Baum erwacht unter den Händen des Spielers zu neuem Leben. Allerdings waren es die begabten Hände seiner Freundin Jessica Piroth, so verrät Fiedler, denen das Instrument seine blendend schöne Bemalung verdankt.

Seit zwei Jahren spielt Johannes Fiedler sein Cembalo ebenso begeistert, wie er auch gleich das nächste Nachbauprojekt befeuert hat. Diesmal ist es ein 1765 erbautes Clavichord des spätbarocken Hamburger Meisters Johann Adolph Hass. Es soll die „Werkstatt“ Fiedler noch in diesem Jahr verlassen. Musikfreunden sei Sonntag, der 6. Mai, nahegelegt: Da wird Fiedler in der Burgkirche Bad Dürkheim auf seinem Taskin-Cembalo Teil 1 des „Wohltemperierten Claviers“ von Johann Sebastian Bach interpretieren. Gertie Pohlit

Cembalobauer und ihre ausgefallenen Ideen

Mehr als drei Jahrhunderte dauerte seine Vorherrschaft als Tastenmedium in der Kunstmusik: Das Cembalo und seine Geschwister – Spinett, Virginal, Regal und später das Clavichord – waren zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert tonangebend in Konzertsälen und Kirchen. Unzählige Manufakturen erblühten in nationalen Zentren, die im Blick auf Kunstfertigkeit und innovativen Geist regelrecht wetteiferten.

Italien mit den Städten Venedig, Mailand und Bologna, das Frankreich Ludwig XIV. – dort vor allem in Paris, Toulouse und Lyon –, Flandern mit seiner Handelsmetropole Antwerpen, schließlich Deutschland mit den Zent­ren Berlin und Sachsen begründeten ihre eigenen Traditionen. Namen wie Silbermann, Tibaut, Blanchet, Anesi oder Grimaldi, nicht zuletzt Ruckers, die über Generationen bedeutendste flämische Cembalobaudynastie, lassen die Herzen von Liebhabern historisch informierter Spielweise höherschlagen. In England und Frankreich kursierten im 18. Jahrhundert Instrumente von Ruckers und Blanchet zu derart astronomischen Preisen, dass alsbald auch Fälschungen auf den Markt kamen; so wie durch den berühmten Pariser Cembalobauer Pascal Taskin.

Und abgesehen vom obertonreichen Klangerlebnis und der künstlerisch ansprechenden Gestaltung der „gängigen“ ein- oder zweimanualigen Instrumente: Auch der inspirierte Forschergeist der „Maestri di manufactura“ beeindruckt. So erfand der Franzose Jean Marius um 1700 ein dreiteilig zusammenklappbares Reisecembalo. Älter noch ist das platzsparende Clavicytherium, bei dem der Saitencorpus hochkant zur Tastatur aufgestellt ist und ein wenig an eine Hausorgel erinnert; nur eben, statt der Pfeifen, besaitet.

Das „Cimbalo cromatico“ wiederum wurde um 1550 in Italien entwickelt. Es weist pro Oktave mehr als die üblichen zwölf, zuweilen bis zu 19 Tonstufen aus und ist begründet in der Beschäftigung mit dem altgriechischen Tonsystem, das über mehr Halbtöne verfügte als die gängigen Kirchentonarten. Der Engländer John Bull, die Italiener Giovanni Trabaci und Adriano Banchieri, höchstwahrscheinlich auch Carlo Gesualdo und auf jeden Fall Johann Jacob Froberger haben dafür komponiert. gpo

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