Neue Wege finden

Pfarrerin Elke Wedler-Krüger
Pfarrerin Elke Wedler-Krüger

Andacht zum vorletzten Sonntag des Kirchenjahres

von Pfarrerin Elke Wedler-Krüger

Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Der sprach: 100 Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs 50. Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: 100 Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib 80. Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.

Lukas 16, 1–8 (9)

Zu den Idolen meiner Jugendzeit gehört Martin Luther King. Noch heute sind mir die Bilder vor Augen, wie er die Sitzblockaden durchführte oder die langen Demonstrationszüge durch die Südstaaten der USA anführte.

Er setzte sich mit gewaltlosen Mitteln ohne Schonung seiner eigenen Gesundheit für seine Überzeugungen ein, ohne Angst vor dem Gefängnis. Dabei umging er die Rassengesetze der USA, weil er und seine Mitstreiter diese als zutiefst ungerecht empfanden. Seine Kraft fußte in einem christlichen Glauben, der keinen Unterschied in Hautfarbe und Rasse kannte, sondern nur den Glauben an Jesus Christus, den Menschensohn, so wie sich Jesus in vielen Texten des neuen Testaments selbst bezeichnet hat.

Was wäre gewesen, wenn er nur nach den Gesetzen gehandelt hätte? Was wäre die Botschaft des Evangeliums gewesen, ohne die Menschen, die fünf gerade sein ließen oder etwas Ungewöhnliches taten? Die sich etwas trauten und zutrauten. Die gesetzte Grenzen er­weiterten und Gnade vor Recht stellten, weil es Menschen zu retten galt und Ungerechtigkeiten zu verhindern. Wenn wir uns an diese wagemutigen Menschen wie Martin Luther King erinnern, dann hoffen wir, dass ihre Beispiele von Mut und Fantasie auch uns anstecken. Denn bei jeder Rückschau auf die Geschichte stellt sich immer die eine Frage: Hätte man das Leid und die Gewalt nicht verhindern können, und was ist unser Auftrag heute?

Von Jesus wird berichtet, dass er Menschen auffordert, neue Wege zu gehen. Bekanntere Texte sind die der Bergpredigt, auch wenn manche Politiker damit ihre Schwierigkeiten haben. Das hindert Christen nicht, sich sehr wohl daran zu orientieren. Ein anderer unbekannterer Text ist der vom ungerechten Verwalter, der heute am Volkstrauertag Predigttext ist.

Jesus setzt uns einen Verwalter vor Augen, der einen sehr freien Umgang mit den Schuldnern seines Herrn hat. Sein Verhalten würde heute in der Bankenwelt bald zum Bankrott sämtlicher Geldinstitute führen. Es bleibt die Frage im Hinterkopf: Kann Jesus tatsächlich solch ein Verhalten gewollt haben?

Die Reaktion des Verwalters hat eine Vorgeschichte. Menschen überbrachten seinem reichen Herrn die Nachricht, der Verwalter verschleudere seinen Besitz. Ob dies tatsächlich den Tatsachen entspricht, erfahren wir nicht. Vielleicht ist es üble Nachrede. Was diese Vorwürfe bewirken, merken wir dann im weiteren Verlauf des Gleichnisses. Der Herr lässt den Verwalter holen, und er fordert von ihm Rechenschaft, und gleichzeitig entlässt er ihn, er stellt ihn von der Arbeit frei. Er nimmt ihm damit die Grundlage zum Leben. Ein Mensch verliert seine Existenzgrundlage. Etwas anderes als das Verwalten von Gütern hat er nicht gelernt.

So sinnt er auf eine List. Er entlässt den Schuldnern seines Arbeitgebers zum Teil ihre Schulden. Da geht es nicht um kleine Beträge, es geht um große Vermögen. Sein Gedanke dabei ist: Was hilft mir zum Überleben und den anderen?

Das Ende ist erstaunlich: Der Herr lobt den Verwalter, weil er recht gehandelt hat. Er findet die ungeteilte Zustimmung seines Herrn, der ihn doch zunächst entlassen hat. Dann der krönende Abschluss, den Jesus anfügt: „Die Kinder dieser Welt sind ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.“ Nichts anderes sagt Jesus: Das Verhalten des Verwalters findet er gut, denn der Verwalter hat mit seinem ungewöhnlichen Handeln Wege aus einer lebensbedrohlichen Krise ermöglicht.

Manchmal muss man im Leben neue Wege gehen, bevor die alten ins Verderben führen. Wir sind Kinder unserer Zeit und selten Lichtgestalten. Wir müssen mit himmlischen Mitteln irdisch handeln. Deshalb waren und sind mir Menschen wichtig, die neue Wege gehen, wie Martin Luther King oder mutige Menschen heutiger Tage. Ich bewundere zutiefst die Menschen, die sich aufmachen, um Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu retten, trotz aller Anfeindungen.

Die erkennen, dass man rechtzeitig die Spirale der Gewalt und Ungerechtigkeit aufhalten muss, indem man umdenkt, Buße tut.

Ein schönes Beispiel, was daraus entstehen kann, ist die Geschichte der Kathedrale in Coventry. Von deutschen Kampffliegern zerstört, ist sie ein Mahnmal für Versöhnung und Verständigung über die Grenzen und Kulturen geworden. Ein Gebet ist in dieser Ruine entstanden, das von Vergebung spricht. Diese Bitte um Vergebung ist die Voraussetzung für gelingendes Leben jenseits von Krieg und Gewalt.

Elke Wedler-Krüger ist Pfarrerin in der Kirchengemeinde Im Gäu im Dekanat Neustadt.

Gebet

O Jesu Christ, du machst es lang mit deinem Jüngsten Tage; den Menschen wird auf Erden bang von wegen vieler Plage. Komm doch, komm doch, du Richter groß, und mach uns bald in Gnaden los von allem Übel. Amen. (EG 149, 7)

 

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