Vom Geist ergriffen

Kirchenpräsident Christian Schad
Kirchenpräsident Christian Schad

Andacht zum Pfingstfest

von Pfarrer Christian Schad

Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen“ (Jesaja 40, 13)? Wir aber haben Christi Sinn.

1. Korinther 2, 12–16

Die Sehnsucht nach Begeisterung, spüren Sie sie auch manchmal? Einmal vom Geist so ergriffen zu werden, dass Unerhörtes ins Ohr dringt und uns weit über die Routinen des Alltags hinausspült.

Ich wünsche mir, auch unsere Kirche möge von diesem Geist erfasst werden, sodass sie neu sprechen lernt von Gott, der unser Heil will. Ach, begänne sie doch neu zu strahlen, so anziehend und schön, dass Menschen zusammenkommen und selber zu leuchten beginnen und Verständnis füreinander wächst.

Doch so einfach ist das nicht mit dem Geist. Er lässt sich nicht zwingen. Kaum behauptet jemand, er sei ergriffen, schon geistert auch ganz anderes durch den Raum. Bei aller verständlichen Sehnsucht danach, dass einem ein lebendiger Geist durch die müden Knochen fährt, muss man doch nüchtern feststellen: So mancher Geist, der da am Werk ist, löst weniger neues Verstehen aus als vielmehr erbitterten Streit. So war es auch in Korinth. Der charismatische Aufbruch führte nicht zur Ermächtigung einer jungen Gemeinde, sondern wurde zur Ursache für schwere Zerwürfnisse.

Da treten Leute auf, die behaupten, der Geist Gottes spräche aus ihnen. Sie geraten in Trance, reden in Zungen. Wer sich so auf Du und Du mit der Geistkraft erlebt, meint oft auch, eine besondere Autorität für sich in Anspruch nehmen zu dürfen. Der Zugriff auf das Leben anderer ist da nur ein kleiner Schritt. Da werden religiöse und moralische Vorschriften in die Welt gesetzt und – bei Nichteinhaltung – mit der Androhung des Gerichts verstärkt. Und langsam schnürt sich die Kehle zu, es wird eng und enger. Und der kritische Geist fragt sich, in wessen Namen da eigentlich gesprochen wird. Was als vermeintlich geistliche Erfahrung startet, landet zuweilen als ziemlich profanes Unternehmen. Da geht es plötzlich doch wieder um Konkurrenz und Eitelkeiten. Und schon hat der Geist der Welt uns erneut im Griff.

„Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist“, schreibt Paulus. Wissen wir es? Und können wir daraus ein Kriterium zur Unterscheidung der Geister gewinnen? „Ja“, sagt Paulus. Wenn wir uns auf das konzentrieren, was er als den „Sinn Christi“ bezeichnet. Aber was ist das für ein Sinn? Was hebt ihn ab von all der weltlichen Geisterei? Paulus würde wohl sagen: „Sieh dir das Leben dieses Christus an. Und dann sag mir, was kannst du erkennen von seiner besonderen Signatur, seinem Sinn?“ Und du wirst vielleicht antworten: „Da hat einer gelebt, der auf jede weltliche Macht verzichtet hat. Er führte ein Leben, in dem es nicht darum ging, sich selbst durchzusetzen, sondern den anderen zu sehen: den Menschen am Wegrand und in Not. Niemanden gab er verloren. Er passte sich nicht der Welt an. Sondern reizte die Herrschenden bis aufs Blut. Und am Ende ließ er sich aufs Kreuz legen und starb.“

„Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen.“ So Paulus. Ja, eine Torheit ist dieses Christusleben für den, der nach den Maßstäben dieser Welt urteilt. Was aber sieht der geistliche Mensch anderes als der natürliche? Er sieht ja auch das Kreuz. Aber er sieht im Kreuz mehr als das Zeichen des Scheiterns. Der Glaube sieht, dass in dem Gekreuzigten Gott selbst gegenwärtig ist. Ein Sehen, das durch das Geschenk des Glaubens möglich wird. Geistesgegenwart führt dazu, das Kreuz als das zu erkennen, was es ist: unsere Rettung aus dem Verderben.

Der geistliche Mensch sieht mehr. Und dieses Mehr verändert das ganze Leben. Da ist nicht nur der Bettler, der mir auf die Nerven geht, sondern in ihm sehe ich den von Gott geliebten Menschen mit Würde gekrönt. Da bin ich nicht nur mit meinen Schwächen, meinen Versäumnissen und mit meiner Lebensangst, sondern ich bin auch der, für den Gott da sein will. Da ist nicht nur Wasser, auf den Kopf eines Menschen geträufelt, sondern da geschieht die Taufe, das Sakrament, in dem der Heilige Geist Leben schenkt, das unvergänglich ist. Und: Da ist nicht nur das Kreuz, an dem ein Wanderprediger stirbt, sondern in ihm sehe ich, wie Gott mir den Weg ins Leben freigeräumt hat.

Die Signatur des Lebens Jesu ist das Kriterium dafür, ob es sich um den Geist Gottes oder um den Geist der Welt handelt. Dann ist die Geist-Erfahrung nicht ein Mittel, um mich selbst durchzusetzen, auch kein esoterischer Sonderweg, um das Göttliche in mir zu stärken. Anteil haben am Heiligen Geist bedeutet vielmehr: Anteil haben am „Sinn Christi“, dass die Bilder, die wir uns von anderen und von uns selber machen, in Bewegung geraten. Wir beginnen, neu zu sehen und zu erkennen. Der Geist ist wie ein Funke, der die Wand zwischen Gott und Mensch durchschlägt und auf dem verödeten Altar dieser Welt das Himmelsfeuer entzündet. Er bewegt das Herz zur Ehrfurcht und zur Liebe.

Christian Schad ist Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche der Pfalz.

Gebet

Komm, Heiliger Geist, und störe uns auf! Mit heiliger Unruhe störe uns auf aus unserer Trägheit. Setz uns in Bewegung zum Dienst deiner Kirche und zum Wohl der Welt. Komm, Heiliger Geist, bei uns bist du nötig! Wir brauchen deinen Mut zum Leben und deinen Frieden zum Sterben. Wir brauchen dich an allen Enden. Komm, Heiliger Geist, Schöpfer Gott. Amen.