Wir wollen versöhnen

Pfarrer Albrecht Bähr
Pfarrer Albrecht Bähr

Andacht zum 7. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Albrecht Bähr

Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

Philipper 2, 1–4

Unerhört – die bayerische Landesregierung ordnet an, in allen öffentlichen Behörden muss sichtbar ein Kreuz aufgehängt sein, denn es spiegelt die Werte unseres Landes wider. Gleichzeitig will sie den „Asyltourismus“ stoppen und mit der Härte des Gesetzes die Grenzen dichtmachen, denn die Sicherheit der Bevölkerung sei in Gefahr. Fast zeitgleich berichten die Zeitungen in Rheinland-Pfalz, dass unser Bundesland im Ranking zu den Ländern gehört, die die meisten Menschen in ihre Heimatländer konsequent abschieben, so als sei dies ein besonderes Qualitätsmerkmal.

Zeitgleich wird in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in einer kreisfreien Stadt unserer Landeskirche eine Familie aus Afrika aus der Erstaufnahmeeinrichtung geholt und nach Frankfurt gebracht, wo der Flieger wartet, der sie in ihr Heimatland zurückbringt. Unerhört – ist ihre Geschichte. Unerhört der Terror, dem die Familie in ihrem Land ausgesetzt war und nun wieder ist. Die Diakonie betreute diese Familie. Ihre Augen waren müde, die Gesichter spiegelten Verzweiflung wider. Die Familie berichtete unserer Mitarbeiterin, dass sie nachts ihre Kinder stündlich an anderen Orten versteckten, um sich vor der Abschiebung zu schützen. Genutzt hat es nichts.

Unerhörtes im doppelten Sinn ereignet sich in unserem Land, das reich an materiellen Gütern ist und sich zu seinen demokratischen Werten bekennt.

Paulus schreibt an seine Lieblingsgemeinde in Philippi: Seid eines Sinnes in gleicher Liebe und lebt einmütig und einträchtig miteinander. Er definiert die Ziele des christlichen Miteinanders. Er will Orientierung geben – der christlichen Gemeinde damals und den Kirchen heute. Dass Paulus diesen Katalog wünschenswerter Eigenschaften eines christlichen Zusammenlebens formuliert, deckt einen Konflikt auf, damals wie heute: Wer hat einen Anspruch darauf, gehört und damit wertgeschätzt zu werden und wer nicht? Wer hat das Recht, die Maßstäbe festzulegen?

Mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung fordert ein hartes Vorgehen in der Flüchtlingsfrage. Dies gilt auch für viele Protestantinnen und Protestanten. Die Profilierungssucht mancher Politiker zulasten der Flüchtlinge hat ein Maß erreicht, bei dem ich mich schäme. Unerhört, die Unterstellungen, dass es allein die Flüchtlinge sind, die für Unsicherheit in unserem Land sorgen. Für mich ein Armutszeugnis.

Zwei Drittel der Bevölkerung wissen, dass die Art und Weise, wie sich Politik zur Flüchtlingsfrage äußert, ganz andere Beweggründe hat. Es geht um Profilierung, um Erhalt der Macht, koste es fast, was es wolle. Unerhört!

Unerhört – diese Flüchtlinge! Mit der Kampagne gibt die Diakonie den Menschen in unserer Gesellschaft, deren Lebensgeschichten unerhört bleiben, eine Stimme und ein Gesicht. Die Diakonie bekennt sich zu Gottes uneingeschränktem Ja zu jedem Menschen. Das ist der Blickwinkel, der unser Engagement begründet. Daher fordert Paulus, dass wir unserem Gegenüber in dem Glauben, dass jeder Mensch göttlicher Liebe entspringt, von göttlicher Liebe begleitet und einmal in göttliche Liebe heimkehren wird, begegnen sollen.

Paulus fordert, dass wir uns für das Unerhörte einsetzen; für die, die keine Stimme haben. Schon vom Mutterleibe sind wir von Gott geliebt und gewollt. Er hat uns weniger niedriger geschaffen als sich selbst. Mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt, heißt es in der Bibel. Dies ist der Maßstab für unser Handeln, und an dieser Maxime müssen sich auch alle messen lassen, die sich zur christlichen Kultur bekennen. Ich weiß, für manche klingt das unangenehm.

Jeder Mensch hat das Recht, dass wir seine Lebensgeschichte anhören, sie würdigen, ihr Respekt schulden und dafür sorgen, dass diese Geschichte weitererzählt werden kann – ohne Angst und Kummer und Sorge. Wo werden Menschen ausgegrenzt, verletzt, gedemütigt? Was können wir dagegen unternehmen? Die Glaubwürdigkeit von Kirche und Gemeinde hängt von einem ehrlichen Ringen um die Beantwortung dieser Frage ab.

Dabei müssen wir Christen nicht nur nach dem Machbaren fragen, wie es in den Parlamenten diskutiert wird. Auch wenn es für manche naiv klingt: Wir müssen mit der verändernden Kraft der Liebe Gottes rechnen und sollten den Heiligen Geist nicht unterschätzen. Er bringt Unerhörtes zu Gehör. Jesus hat dies vorgelebt. Deshalb wird die Diakonie nicht aufhören, sich daran zu orientieren. Unerhört naiv? Nein! Wir wollen versöhnen und nicht spalten!

Albrecht Bähr ist Landesdiakonie­pfarrer und Sprecher der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft in Rheinland-Pfalz.

Gebet

Gott mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt, dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum ist, dass ich ein Licht anzünde, wo Finsternis regiert! Amen.