Die Krone des Lebens

Pfarrerin Ulla Steinmann
Pfarrerin Ulla Steinmann

Andacht zum vorletzten Sonntag des Kirchenjahres

von Pfarrerin Ulla Steinmann

Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern sind die Versammlung des Satans. Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.

Offenbarung 2, 8–11

Volkstrauertag ist heute – trauert unser Volk noch? Haben wir Mitleid mit denen, die unter Krieg und Gewalt leiden oder durch Krieg und Gewalt vertrieben wurden? Auf den Friedhöfen kommen heute nur noch wenige Menschen zusammen, die der Opfer von Krieg und Gewalt gedenken. Der Zweite Weltkrieg liegt weit zurück, einige Ältere trauern um Verwandte, die damals gestorben sind. Für die meisten jungen Menschen hat der heutige Tag keine Bedeutung mehr. Er steht nur noch im Kalender. Er hindert höchstens heute an einem freudigen, ausgelassenen Lebenswandel.

So weit weg wie für die meisten Krieg und Gewalt sind – trotz der Flüchtlinge unter uns und trotz der vielen Bilder im Fernsehen und im Internet –, so weit weg sind für die meisten auch die Worte aus dem Buch der Offenbarung.

Manch älterer Mensch erinnert sich gerne an seinen Konfirmationsspruch aus diesem Bibelabschnitt: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“ Aber welche Bedeutung soll dieser alte, fremde Text für uns heute noch haben? Da ist von Bedrängnis die Rede, von dem Teufel – und dann von Treue.

Diese Worte waren an eine Gemeinde gerichtet, die in der Verfolgung gelebt hat. Christen sind von ihrem Glauben abgefallen, weil ihnen Gefängnis oder Tod angedroht wurde. Sie wollten leben und nicht verfolgt werden. Aber der Seher Johannes erinnert sie daran, dass es etwas Wichtigeres gibt als das gegenwärtige Leben: Hier auf Erden können Menschen nur den Leib töten, wer aber von Jesus Christus abfällt, dem droht der ewige Tod. Dessen Leben wird zwar auf Erden verschont, aber es endet dann auch hier auf Erden.

Deshalb sollen die Christen treu gegenüber Jesus Christus bleiben, dann wird ihnen die Krone des Lebens geschenkt, sie werden eintreten in das ewige Leben in Gottes Reich.

Hat dieser Bibeltext noch irgendetwas mit uns heute zu tun? Wir reden doch so gerne vom lieben Gott, der für alles Verständnis hat, der uns liebt, ganz gleich, wie wir uns verhalten, und der auch immer für uns da ist und uns mit Glück überschüttet. „Wir kommen alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind …“, verspricht uns ein Liedtext, aber nicht die Bibel! Denn Gott erwartet auch von uns etwas, nämlich die Treue zu ihm, von der Johannes schreibt.

Das müsste uns in unserem Land doch leichtfallen. Wir werden nicht verfolgt, wenn wir uns zu Gott bekennen. Wir müssen nicht ins Gefängnis, wenn wir miteinander Gottesdienste feiern. Wir haben keine Nachteile zu fürchten, wenn wir beten. Schlimmstenfalls werden wir belächelt, dass uns im Alltag der Glaube an Jesus Christus noch wichtig ist. Christen, die verfolgt werden, nehmen aber seltsamerweise ihren Glauben ernster als wir, die wir in einer sicheren Umgebung leben.

Vielleicht hat sich deshalb bei vielen Christen ein verkehrtes Gottesbild eingeschlichen. Im Alltag brauchen wir Gott kaum, deshalb kümmern wir uns nicht so viel um ihn und achten auch nicht auf sein Wort. So ist eben nach unseren Vorstellungen dieses Bild von dem liebenden Gott entstanden, der uns nur Gutes erleben lässt. Doch der Alltag sieht oft anders aus: Es geschehen Unfälle, Menschen werden krank, selbst Kinder können schon sterben. Gemeinsames Leben gelingt nicht, Ehen zerbrechen, Familien werden auseinandergerissen. Lebenspläne erfüllen sich nicht oder Träume platzen. Menschen verlieren ihren Glauben, wenn ihnen Leid widerfahren ist. Sie fallen ab von Gott. Aber Jesus Christus ruft uns gerade in einer schwierigen Zeit zu: „Sei getreu bis an den Tod!“, denn „ich kenne deine Bedrängnis.“

Gott weiß wohl, was er uns zumutet. Doch er tut es nicht, um uns zu quälen. Dieses Leben hier auf der Erde hat immer auch eine schmerzliche Seite. Kein Leben kommt ohne bittere Erfahrungen aus, kein Leben glückt vollständig. Krankheit, Schmerzen und auch das Sterben gehören zu diesem Leben dazu, auch wenn wir dies gerne verdrängen möchten. Beruhigend kann dann doch diese Aussage von Jesus wirken: „Ich kenne deine Bedrängnis!“ Ich weiß um deine Schmerzen. Ich weiß, was dich quält und worunter du leidest.

Wir bleiben also mit all dem, was uns bedrückt und belastet, nicht allein. Gerade in den Momenten, in denen wir uns von Gott verlassen fühlen, ist er uns ganz nahe. Deshalb ruft Johannes uns zu: „Fürchte dich nicht! Hab keine Angst, auch wenn du leiden musst.“

Wenn wir treu bei Gott bleiben, selbst in den Zeiten, in denen wir ihn nicht verstehen, werden wir seine Nähe spüren und seine Hilfe auch erfahren. Deshalb lohnt sich diese Treue zu Gott. Sie kommt uns nicht erst im Leben nach dem Sterben zugute, sondern sie hilft uns heute schon im Alltag weiter.

Mit Gottes Hilfe können wir auch auf die Leiden der anderen schauen und müssen nicht unsere Augen verschließen. Dann können wir heute auch furchtlos bedenken, was Krieg und Gewalt bis in die Gegenwart hinein Menschen antun.

Ulla Steinmann ist Pfarrerin im Kirchenbezirk Kusel.

Gebet

Herr, unser Gott, du kennst uns und unser Leben, du weißt um unsere Leiden. Lass uns treu bleiben, so wie du treu zu uns stehst. Nimm von uns alle Furcht, die uns bedrückt. Mach uns frei für ein Leben mit dir. Amen.