Raum tiefsten Glücks

Pfarrer Bruno Heinz
Pfarrer Bruno Heinz

Andacht zum letzten Sonntag nach Epiphanias

von Pfarrer Bruno Heinz

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Offenbarung 1, 9–11 (12–16) 17–18

Wer in den Bergen wandert und Gipfel ersteigt, kennt es: Aus dem schattigen Tal geht der Weg nach oben, aber er zieht sich gefühlt unendlich in die Länge. Der Weg so mühsam, die Aussicht begrenzt, der Gifpel so entfernt – aber schließlich ist es doch geschafft! Welch ein grandioser Weitblick tut sich einem unter dem Gipfelkreuz auf.

Von solch einem „Gipfelerlebnis“ geistlicher Art berichtet uns Johannes, der Seher, im letzten Buch der Bibel, im Anfangsteil seines Schreibens. Den römischen Machthabern im heutigen westlichen Teil der Türkei war er offensichtlich ein Dorn im Auge gewesen. Als prägende Leitungsfigur der jungen Christenheit war er ihnen besonders suspekt, da viele Christen dem Kaiser in Rom nicht die verordnete göttliche Verehrung entgegenbrachten. Darum verbannten die römischen Behörden Johannes auf eine entlegene Insel namens Patmos, zwischen heutiger Türkei und Griechenland gelegen. Verbannung: das hieß mittellos, ausgegrenzt und kaltgestellt zu sein – und nicht wissend, ob man jemals wieder in die Heimat zurückdurfte. Wahrlich keine rosigen Aussichten.

In dieser für Johannes so aussichtslosen Situation ereignet es sich, dass ihm inmitten seiner trostlosen Lage von Gott her eine Vision und Botschaft zuteil wird, die seine wie auch die Situation der bedrängten jungen Christenheit in einen neuen und weiten Radius der Zuversicht stellte. Hatte Johannes zuvor den Namen der Insel Patmos vor allem mit der Erfahrung von Ohnmacht und Kränkung zusammengebracht, wurde ihm dieselbige Insel mit einemmal zu einem Ort, an der der Himmel die Erde zu berühren schien.

Was für ein Kontrast: einerseits die menschlich gesehen so tiefe Demütigung, die das Gerichtsurteil einer Verbannung bedeutete – und gleichzeitig wird für Johannes dieser so trostlose Ort zu einem Raum tiefsten Glücks. In seiner Verlassenheit ist er nicht wirklich verlassen, jedenfalls nicht von dem, der von sich selbst sagt, dass er der Erste und der Letzte sei und lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Was, so frage ich mich, könnte unser Patmos heute sein? Wir sind ja noch am Beginn eines neuen Jahres, an dem wir nicht wissen, was uns alles begegnen wird. Was die derzeit allgemeine wirtschaftliche Seite unseres Landes betrifft, hören wir – Gott sei Dank – viele optimistische Stimmen. Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass mancher mit großer Besorgnis in die Zukunft schaut oder sich mit sehr handfesten persönlichen Ängsten und Schwierigkeiten konfrontiert sieht. „Patmos“: Das kann für den einen der Aufenthalt im Krankenhaus sein, wo er nicht weiß, ob er als geheilt entlassen werden wird. Für andere mag es die Umschreibung für eine Situation sein, in der einem gerade die Beziehungen wegzubrechen drohen, die für die Stabilität und das Glück des eigenen Lebens doch so ausschlaggebend sind.

Wie gut, dass trostlose Perspektiven in trostlosen Zeiten nicht trostlos bleiben müssen. Jedes „Patmos“ hat das Potenzial, von Gott her zu einem Ort zu werden, an dem er in unerwarteter Weise auf den Plan tritt. In Gottes Nähe tut sich selbst in der dunklen Sackgasse des Todes eine Tür auf, die in eine neue, leuchtende Dimension verweist, in der Gottes Macht und Liebe die Welt im Innersten zusammenhält.

Dietrich Bonhoeffer hat seine berühmten Worte von den guten Mächten, die uns umgeben und in die wir uns bergen dürfen, nicht an einem sonnigen Tag am Wannsee geschrieben, an dem ihm der Himmel blau und das Leben verheißungsvoll erschien, sondern Ende 1944 aus der Kargheit einer Gefängniszelle heraus, in der er als Todeskandidat saß und auf sein Ende wartete. Seine Zelle in Flossenbürg wurde ihm zu seinem „Patmos“.

Zu Anfang des neuen Jahres mag uns der Weg durch die nächsten Monate wie ein Weg in alpinem Gelände erscheinen. Es mögen sich schmale und steinige Wege auftun, es mag an Abgründen vorbeigehen, und unterwegs droht einem die Puste auszugehen. Das Ziel ist schon greifbar nah, doch dann drückt sich unverhofft ein neuer, steiler Kamm dazwischen. Werden wir es schaffen? Werden wir den Gipfel erreichen?

Menschen wie Johannes, die an der Hand Jesu Christi gehen, machen nicht nur die Erfahrung des Gehaltenseins – Jesus Christus schenkt ihnen auch „Gipfelerlebnisse“: Augenblicke mit weitem Aus- und Tiefblick.

Ich bin gespannt auf das neue Jahr – und gespannt auf Türen, die sich von Gott her auftun werden und hinter denen ich ihn nicht vermute. Er hat die Schlüssel dazu.

Bruno Heinz ist ­Pfarrer in Trippstadt, Stelzenberg und Mölschbach im Kirchenbezirk An ­Alsenz und Lauter.

Gebet

Du Gott, von dem so viele sagen, dass du Licht bist: Dein Licht und der Glanz deiner Macht gehe auf über unserer Welt. Mache die trüben Augen hell, dass wir dich am Werke sehen, mache die tauben Ohren hellhörig, dass wir merken, wo du uns in deine Arbeit rufst. Du bist Licht – Licht, das verwandelt und neue Perspektive schenkt. Stelle uns hinein in dein Licht. Amen.

 

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