Und – wohin fährst du?

Pfarrerin Christine Gölzer
Pfarrerin Christine Gölzer

Andacht zum 5. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrerin Christine Gölzer

Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wirst du bleiben? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte. Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt ­übersetzt: Fels.

Johannes 1, 35–42

Gefühlt habe ich diese Frage „Wohin fährst du?“ in den letzten drei Wochen bestimmt tausend Mal beantwortet. Sommerzeit ist Urlaubszeit und uns allen ist diese Auszeit im Jahr wichtig. Wir suchen Erholung an neuen Orten, Ruhe, manche auch das Abenteuer! Der Kopf soll leer werden, um Kraft zu tanken für den Alltag. Und das scheint besser zu gehen, wenn wir aus dem Gewohnten wegfahren.

Einen ganz anderen Urlaubstag schildert dieses Bibelwort. Es ist eine seltsame Szene, die sich vor unseren Augen abspielt. Johannes der Täufer steht mit seinen Jüngern am Wegrand. Wahrscheinlich diskutieren sie über Gott und die Welt. Etwas, was im Urlaub ja bekanntlich ganz gut geht! Siehe, das ist Gottes Lamm, so kommentiert Johannes das, was er sieht. Was so viel heißt wie: Siehe, da ist der, der sein Leben ganz Gott widmet, der, der für uns den Sündenbock macht. Die beiden Freunde fackeln nicht lange. Sie machen sich auf und gehen zu diesem Jesus.

Diese beiden Jünger – das ist eine Urlaubsbegegnung, die aufhorchen lässt! Ernsthaft leben sie ihren Glauben, suchen, haben Gott und sein kommendes Reich immer im Auge. Können wir uns das überhaupt noch vorstellen? So ernsthaft die Fragen von Glauben, von Erlösung zu leben? Dein Reich komme! Diese Bitte, sie ist diesen Jüngern wirklich ein Anliegen.

Jesus fragt: Was sucht ihr? Drei Worte, klar und deutlich, aber Worte, die es in sich haben! Kann ich überhaupt benennen, was ich in meinem Leben suche? Eigentlich habe ich mich in meinem Alltag ganz gemütlich eingerichtet. Spüre ich noch diese Sehnsucht nach dem „Mehr“, das sich nicht nur in drei Wochen Urlaub an einem exotischen Urlaubsziel erfüllt, sondern mein Leben wirklich ausfüllt? Wohin fahre ich mit meinem ganzen Leben?

Obwohl sie ja wirklich ernsthaft suchen, können die zwei Freunde es nicht so richtig sagen, und deshalb antworten sie mit einer Gegenfrage. Rabbi, Meister, wo wirst du bleiben? Die beiden haben schon einen großen Schritt getan mit dieser Antwort: Jesus ist ihr Lehrer, ihr Rabbi geworden und ihre Frage bedeutet: Sie wollen es ganz genau wissen, denn die Frage nach der Wohnung, nach der Bleibe, die wird schon sehr persönlich. Zeige mir wo du wohnst und ich sage dir, wer du bist!

Jesus lädt Andreas und seinen Freund ein, einen Tag mit ihm zu verbringen: Kommt und seht! Auch das wieder kurz und knackig. Keine langen Erklärungen, keine belehrenden Worte, sondern Gemeinschaft mit ihm.

Kommt und seht – ich finde, das gilt bis heute. Probiert es einfach aus – und dann findet ihr vielleicht, was ihr sucht!

Kommt und seht! Lasst euch mal drauf ein. Das wäre doch auch mal ein Urlaubstag für uns. Kommt und seht – nicht nur ein Stündchen am Sonntagmorgen in der Kirche, sondern länger! Wohin fährst du? Die Antwort hieße dann: Ich nehm mir mal Zeit, um mit meinem Glauben, meinem Gott ins Reine zu kommen.

Was oder wen würde ich dann finden? Auf diese kurze Szene zu Beginn des Evangeliums folgen noch viele Geschichten, viele Gespräche, viele Wunder. Jesus macht da mehr als deutlich, dass er und Gott eine Einheit sind und dass überall dort, wo er sich den Menschen in Liebe zuwendet, Gott selbst am Werk ist. Wer also ihm begegnet, der begegnet Gott selbst! Und wer den Menschen so begegnet wie Jesus den Menschen begegnet ist, der kommt Gott ebenfalls sehr nahe.

Kommt und seht! Die Suche sieht bei jedem von uns anders aus. Vermutlich suchen wir nicht so radikal wie die Jünger, aber dennoch suchen wir: nach Sinn in unserem Leben, nach etwas was bleibt, nach Gerechtigkeit und Frieden, nach Glück. Jede Urlaubsfahrt ist eine solche Suche. Und manchmal geht das leider auch erbarmungslos schief.

Aber gefunden werden, das geht eigentlich ganz einfach, denn das ist nicht unser Part, das wirkt Gott. Das geschieht in der Begegnung mit Gott, so wie er uns in Jesus begegnet. In der Liebe, die wir hier erfahren und die uns andere Menschen spiegeln können.

Die beiden Jünger, die wissen am ­Ende dieses besonderen Tages, dass sie am Ziel angekommen sind.

Wir haben den Messias gefunden. Das Ende unseres besonderen Urlaubstages könnte auch dieses tiefe Gefühl von Ankommen sein: Gott ist bei mir, er ist mitten unter uns Menschen. Er taucht in diesem Jesus ein in unser Suchen und Fragen, in unsere Unruhe – und er lässt sich finden, im Urlaub und im Alltag, sonntags und werktags, überall in meinem Leben. Ich muss nur bereit sein, mich finden zu lassen.

Christine Gölzer ist Pfarrerin an der ­Dreifaltigkeitskirche in Speyer.

Gebet

Du sollst dich selbst unterbrechen. Zwischen Arbeiten und Konsumieren soll Stille sein und Freude, dem Gruß des Engels zu lauschen: Fürchte dich nicht! Zwischen Aufräumen und Vorbereiten sollst du es in dir singen hören, das alte Lied der Sehnsucht: Maranata, komm, Gott, komm! (Dorothee Sölle)

 

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