Wie nähern wir uns mit den Kindern der Geschichte von Esther?

Da das Estherbuch viele einzelne Szenen und Geschichten zur Verfügung stellt, können wir uns mit den Kindern gut innerhalb dieser Geschichten auf den Kinderkirchentag vorbereiten. Dazu ändern wir die Erzählperspektive und können so verschiedene Aspekte vorbereitend besonders hervorheben. Das hilft den Kindern, den Ablauf der Geschichte besser zu verstehen.

1. eine Dienerin berichtet von den strengen Sitten am Königshof

Ui,ui,ui, da habe ich aber noch mal Glück gehabt, dass mich da keiner erwischt hat! Ich komme doch gerade mit der frischen Wäsche über den Flur und habe nicht aufgepasst – schon stehe ich in der großen Säulenhalle und wäre beinahe weitergegangen. Mensch, wenn das einer gesehen hätte! Ihr müsst wissen, in die Säulenhalle darf man nicht so einfach hineingehen. Da sitzt am anderen Ende der König auf seinem Thron. Unser König ist ganz schrecklich mächtig. Jetzt ist er schon Herr über 127 Länder. Stellt euch das mal vor: 127 Länder! Und da kann er so viel bestimmen, unser König, der kann auch über unser Leben bestimmen. Niemand darf so einfach zu ihm gehen. Wenn der König nicht nach einem ruft, darf man nicht zu ihm. Ich darf sowieso nicht, denn ich bin nur eine Dienerin.

Aber stellt euch vor: selbst seine Frau, die Königin, darf nicht zu ihm kommen, wenn er sie nicht ruft. Und unser König hat eine schöne junge Frau. Sie ist die Schönste im ganzen Land. Er hat sie aus allen schönsten Mädchen ausgesucht. Aber nun ist sie schon einige Zeit seine Frau, und ich glaube, er hat sie schon viele Wochen nicht mehr gerufen. Jetzt darf sie gar nicht so einfach zu ihm. Wenn er schlecht gelaunt ist, kann es passieren, dass man dann sterben muss – nur, weil man unangemeldet zum König wollte. Aber wenn er gut gelaunt ist, dann hält er sein Zepter hin. Dann ist alles gut. Dann darf man kommen. Aber wer weiß schon, was der König für eine Laune hat? Also, ich wollte das nicht riskieren. Das ist mir zu unsicher. Ich will noch ein paar Jahre leben. Aber jetzt muss ich weiter Wäsche machen. Macht's gut!

2. Mordechai erzählt Esther vom Schicksal ihrer Familie

Du wolltest von mir wissen, Esther, wie es damals war und wo du herkommst. Du warst damals noch sehr klein, und es war Krieg im Land. Deine Eltern und ich lebten noch zu Hause, im Land unserer Väter, das uns Gott gegeben hat. Aber wir waren ein kleines Volk. Vielleicht war unser König zu hochmütig. Ich weiß es nicht. Die Propheten haben immer wieder gewarnt, aber geändert hat sich eigentlich nichts. Die Armen wurden immer ärmer, die Reichen machten, was sie wollten. So viele Menschen richteten sich nicht mehr nach den Geboten des Herrn. War es die Strafe? - Ich weiß es nicht. Manchen schien es so. Aber wir fragten uns schon, warum wir dann so leiden mussten. Dein Vater und ich waren im Dorf recht angesehen. Wir waren nicht reich, aber schon unser Vater wurde oft um Rat gefragt. Wir stammen wie du aus königlichem Geschlecht. Aber hier ist das nichts mehr wert.

Damals sah man es von fern: Der Himmel war tagelang rot. „Das ist der Krieg!“ sagten die Leute. Und als er immer näher kam, da sind wir alle in die Berge geflohen. Nach einiger Zeit war der Krieg vorbei, aber der König von Persien hatte gesiegt. Alle Bauern im Dorf mussten den persischen Soldaten ein Großteil ihrer Ernte abgeben. Das war schlimm, denn der Rest hat nicht für die Familien gelangt. Der Hunger zog ins Land. Wir aber zogen fort. Alle Leute, die Geld oder Ansehen hatten, mussten das Land verlassen. Alle klugen und einflussreichen Männer, Frauen und Kinder zogen in einem großen Treck hierher oder in andere Städte weit weg. Der König wollte es so. Er ist der Herr über 127 Länder, die so weit auseinander liegen, dass er nicht alles überall genau beobachten kann. Damit niemand mehr in den besiegten Ländern ist, der vielleicht einen Aufstand planen könnte, deshalb wurden wir alle verschleppt. Und du warst auch dabei.

Aber es war ein sehr langer Weg hierher. Viele wurden müde und schwach. Und es gab immer mal wieder Krankheiten. So sind auch deine Eltern gestorben, Esther. Und ich habe dich zu mir genommen und wie mein eigenes Kind aufgezogen. Es ist nicht immer einfach, hier in der Fremde zu leben. Viele sagen: es ist besser, man passt sich an und fällt nicht auf. Wir tun so, als wären wir Menschen wie die Perser hier. Aber das ist nicht so einfach, denn wir haben unsere Regeln, die wir von Gott bekommen haben. An die wollen wir uns halten. Manche sagen: es ist besser, wir bleiben im fremden Land zusammen, feiern unsere eigenen Feste und leben nach unseren eigenen Regeln. Jeder soll erkennen, dass wir Juden sind. Aber das macht die Menschen hier oft ärgerlich. Sie mögen Ausländer nicht. Sie wollen, dass alle so sind wie sie.

Ich weiß nicht, was ich dir raten soll. Vielleicht ist es besser, wir versuchen uns anzupassen. Aber vergiss nie dein Volk, zu dem du gehörst. Und vergiss nie, dass unser Gott mit unserem Volk noch viel vor hat. Das hat er uns versprochen!

3. Der Chronist liest aus seiner Chronik von der Größe des Reiches, von der Macht-Darstellung des Königs, von den Sitten am Königshof, vom Schicksal des Volkes Israel in der Gefangenschaft

Ich bin der Chronist des großen Königs Xerxes. Mich könnt ihr alles fragen, was mit dem Reich und der Regierung des großen Königs Xerxes zusammenhängt. Ich habe alles aufgeschrieben. Ihr wollt wissen, wieso hier in Susa so viele Ausländer sind? Das ist ganz einfach. Schon der Vorgänger unseres Königs Xerxes, Darius hieß er, hat großartige Kriege geführt und das Reich der Perser vergrößert. 127 Länder gehören nun zum persischen Großreich. Wenn die Soldaten des großen Königs in ein Land einziehen und es erobern, dann machen sie nicht nur große Beute. Sie nehmen auch die klugen und einflussreichen Menschen mit. Diese werden Bewohner hier in der Nähe der Hauptstadt. So kommt es, dass viele Ausländer hier leben. Eine Gruppe der Ausländer sind die Juden. Die kommen von weit her aus Palästina. Auch dieses Land ist von den Persern besiegt worden und ihre Oberschicht hierher verschleppt worden. Über dieses Volk habe ich in meiner Chronik stehen:

Sie glauben an einen unsichtbaren Gott, der sie als sein Volk erwählt hat und ihnen das Land Palästina gegeben hat. Sie halten sich an die Gebote, die ihr Anführer Mose damals von ihrem Gott selbst erhalten hat. Sie beten keine anderen Götter an, sie halten einen Ruhetag in der Woche, sie sorgen für ihre Familien und haben strenge Essens-Vorschriften. Damit erregen sie immer wieder Aufsehen im Land. Es gibt oft Ärger, weil sich Juden weigern, die Gesetze des Königs zu befolgen, wenn sie ihren eigenen Gesetzen widersprechen. Deshalb sind sie hier auch nicht sehr beliebt. Manche Juden passen sich an und niemand bemerkt, dass sie aus diesem Volk stammen. So sieht es der König am liebsten.

Unser König liebt es, von Zeit zu Zeit allen Völkern seine Macht zu zeigen. Soll ich euch mal vorlesen, was ich darüber in meiner Chronik aufgeschrieben habe?

Im dritten Jahr seiner Herrschaft veranstaltete König Xerxes ein großes Fest für alle führenden Männer des gesamten Reiches. Es kamen die Offiziere seines Heeres, die Adligen und die Regierenden seiner Länder. Volle sechs Monate zeigte der König aller Öffentlichkeit, wie mächtig und wie reich er war. Dann veranstaltete der König ein Fest für alle Bewohner des Palastbezirkes. Alle, die Vornehmen und die Geringen waren eingeladen. Sieben Tage lang wurde im schönen Park des Schlosses gefeiert. Zwischen Alabastersäulen waren weiße und blaue Vorhänge aus kostbaren Stoffen aufgehängt, befestigt mit weißen und purpurroten Schnüren und silbernen Ringen. Polsterbetten mit goldenen und silbernen Füßen standen auf dem kostbaren Fußboden aus verschiedenfarbigen Steinplatten.

Getrunken wurde aus goldenen Bechern, von denen keiner dem anderen glich. Wein gab es in Fülle aus den königlichen Kellern. Man konnte trinken, soviel man wollte; aber keiner wurde dazu gezwungen. Der König hatte die Diener angewiesen, sich ganz nach den Wünschen der Gäste zu richten.

Die Königin feierte gleichzeitig ein Fest für die Frauen. Das ist hier am Hof so, dass die Frauen nicht mit den Männern zusammen feiern. Die Königin lebt im Frauenpalast und darf auch nur zum König kommen, wenn der sie ruft. Niemand darf zum König kommen, der nicht von ihm gerufen wird. Man kann um eine Audienz bitten, aber wenn der König nicht gnädig sein Zepter dem Bittenden entgegen streckt, ist der des Todes. Ja, so mächtig ist König Xerxes.

4. Ein jüdisches Mädchen erzählt vom Schicksal seines Volkes und der Rolle der Frauen im fremden Land (die Macht des Königs reicht bis in die Familien)

Ich war noch ein kleines Mädchen, als wir hierher nach Susa kamen. Ich erinnere mich noch an eine lange, lange Wanderung. Viele sind gestorben unterwegs. Manchmal hat mich der Vater getragen, wenn mir die Füße weh taten. Es war Krieg, hat mir der Vater erzählt, und unser Volk ist besiegt worden. Weil Vater der reichste Bauer im Dorf war, haben sie uns mitgenommen in das fremde Land. Hier in Susa wohnen noch viele Juden. Wir reden oft hebräisch miteinander, aber die Jüngeren können schon gut persisch reden. Viele Juden tragen noch die Kleider und Frisuren wie zu Hause. Aber die Jungen tragen die aktuelle Mode aus Susa. Wir wollen nicht anders sein als die anderen Jugendlichen hier. Aber vieles hier ist ganz anders als zu Hause. Meine Mutter erzählte mir davon, wie es früher bei uns war. Sie hatte viel zu tun zu Hause und hat immer mit Vater beraten, was getan werden musste. Hier sieht man wenig Frauen auf der Straße. Sie verstecken sich, denke ich manchmal. Sie müssen immer tun, was der Mann sagt. Niemals dürfte eine Frau ihrem Mann oder eine Tochter ihrem Vater widersprechen. Und die Männer sind manchmal recht böse zu den Frauen. Aber die dürfen sich nicht wehren. Ich habe selbst gehört, wie der königliche Ausrufer gemeldet hat: Alle Frauen haben ihren Männern zu gehorchen. So will es der König! Das ist in unseren Gesetzen anders. Da müssen die Männer auch gut für Frauen und Kinder sorgen und gut mit ihnen umgehen. Manchmal weine ich, hier werden Frauen wie Tiere oder wie Gegenstände behandelt. Bei uns sollte es nicht so sein. Aber viele von uns richten sich nicht mehr nach den Geboten, die wir von unserem Gott haben. Ich glaube, einigen Männern gefällt es, wenn sie über die Frauen und Kinder bestimmen können, wie sie wollen. Ich habe auch vom Königshof gehört, dass es sogar der Königin so geht. Manchmal sieht sie ihren Mann viele Wochen nicht. Sie darf nur zu ihm, wenn er sie ruft. Und sie darf ihm niemals widersprechen, egal was er von ihr will.

Oft sehne ich mich nach Zuhause zurück, obwohl ich es gar nicht mehr so genau kenne. Die Eltern haben so viel erzählt, wie schön es war und wie wir zusammen lebten. Darum sitzen wir oft abends am Fluss, sehen im Westen die Sonne untergehen und weinen vor Heimweh: Gott, hast du uns denn verlassen?

Man kann auch diese Erzählungen als Brief verpacken und in den einzelnen Kindergottesdiensten vorlesen. Dann können die Kinder darauf im Gespräch, in einem Rollenspiel oder mit Malen und Gestalten reagieren.

 

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