Ein Weihnachtslicht für den Frieden

Seit mehr als 30 Jahren senden Pfadfinder in Deutschland das Friedenslicht von Bethlehem aus

Eine evangelische Pfadfinderin überreicht einer Familie in der Gedächtniskirche der Protestation in Speyer das Friedenslicht von Bethlehem bei einer Aussendungsfeier. Foto: Landry

Es brennt in der Weihnachtszeit in Krankenhäusern, Altenheimen und anderen sozialen Einrichtungen, in Kirchen, Rathäusern und selbst im Bundeskanzleramt in Berlin: Das Friedenslicht von Bethlehem macht den Menschen warm ums Herz und verbreitet Hoffnung auf eine Welt, in der die Menschen eines Tages ohne Krieg und Hass zusammenleben. Seit mehr als 30 Jahren sorgen die Pfadfinder in Deutschland dafür, dass es in ihren Heimatorten ausgesendet wird – als Symbol für Frieden und Völkerverständigung.

Für viele ist das Licht aus der Geburtsgrotte Jesu Christi zum Inbegriff der Weihnacht geworden, informiert der Ring Deutscher Pfadfinderverbände aus Berlin. Viele Menschen freuen sich darauf, wenn die Pfadfinder ab dem dritten Advent bis Heiligabend wieder das Licht an ihre Mitmenschen verteilen – es leuchtet nicht nur in Kirchen, sondern auch in Synagogen und Moscheen. Für viele Gläubige und auch Nichtgläubige ist das Friedenslicht ein Lichtblick und willkommener Mutmacher in einer Welt, die noch unfriedlicher und unsicherer geworden ist.

„Auf dem Weg zum Frieden“ lautet das Motto der Aktion in diesem Jahr. Organisiert wird sie seit 1996 vom evangelischen Verband Christlicher Pfadfinder und Pfadfinderinnen (VCP), der katholischen Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg und der Pfadfinderinnenschaft St. Georg, dem Bund deutscher Pfadfinder sowie dem Verband Deutscher Altpfadfindergilden. Höhepunkt der ökumenischen Aktion war am 13. Dezember die Übergabe des Friedenslichts an Papst Franziskus, der es in Rom bereits zum dritten Mal empfing.

Natürlich ist das Friedenslicht „kein magisches Zeichen, das den Frieden herbeizaubern kann“, weiß der Ring deutscher Pfadfinderverbände, der rund 220?000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene vertritt. Das Entzünden und Weitergeben des Lichts erinnere aber die Menschen an die weihnachtliche Botschaft der Liebe und die Pflicht, den Frieden zu verwirklichen. In wenigen Jahren habe sich das Friedenslicht „von einer kleinen Flamme zu einem Lichtermeer“ ausgeweitet. Das Licht sei das weihnachtliche Symbol schlechthin.

Pfadfinden sei eine internationale Friedensbewegung, sagt die VCP-Pressesprecherin Lena Dohmann vom Kasseler Bundesbüro. Von Anfang an hätten Internationalität und Völkerfreundschaft eine große Rolle beim Pfadfinden gespielt. „Uns ist es wichtig, den Kindern und Jugendlichen Offenheit und Toleranz gegenüber allen Menschen mitzugeben“, sagt Dohmann. Viele Pfadfindergruppen pflegten weltweit Partnerschaften mit anderen Pfadfindern und lernten dadurch viel über die Lebenswelt Gleichaltriger.

Die Idee für die Friedenslichtaktion entstand 1986 im oberösterreichischen Landesstudio des Österreichischen Rundfunks (ORF): Ein Licht aus Bethlehem soll als Friedensbotschafter durch die Länder reisen und die Geburt von Jesus Christus verkünden. Seither entzündet ein oberösterreichisches Kind alljährlich Ende November ein Licht an der Flamme in der Geburtsgrotte Jesu in Bethlem, das im von Israel besetzten palästinensischen Westjordanland liegt. In diesem Jahr ist der zwölfjährige Tobias Flachner aus Hochburg-Ach im Bezirk Braunau am Inn das Friedenslichtkind.

Per Flugzeug wird das Friedenslicht in einer explosionssicheren Lampe nach Wien gebracht. Von dort wird es traditionell am dritten Adventswochenende in alle Orte Österreichs und in ganz Europa verteilt. Die Menschen in Österreich können sich dieses Weihnachtssymbol in allen ORF-Landesstudios, an Bahnhöfen, Rotkreuz-Dienststellen, in den meisten Kirchen und bei anderen Organisationen und Vereinen abholen. Das ORF-Friedenslichtkind gibt das Licht auch an die Pfadfinderdelegationen aus 25 Ländern weiter, die sich ganz besonders der Verteilaktion angenommen haben. Sie sorgen dafür, dass es mit Zügen in die meisten europäischen Länder gebracht wird. Selbst in die USA fand es seinen Weg und leuchtete am „Ground Zero“ in New York, wo den Opfern des islamistischen Terrorangriffs vom 11. September 2001 gedacht wird.

„Das Friedenslicht erreicht am Heiligen Abend Millionen Menschen, das hätte sich am Beginn niemand träumen lassen“, sagt ORF-Redakteur Günther Hartl, Leiter der Aktion „ORF-Friedenslicht aus Bethlehem“. Der ORF Oberösterreich wolle mit dem leuchtenden Symbol aus der Geburtsstadt Christi gerade in schwierigen Zeiten ein Zeichen der Sehnsucht nach friedlichem Zusammenleben setzen.

Dass das Friedenslicht nach Deutschland kam, ist den nordrhein-westfälischen Altpfadfindern Bernd Gruttmann und Herbert H. Krisam zu verdanken. Bei der Generalversammlung der österreichischen Gildepfadfinder in Graz lernten sie 1993 das Friedenslicht und die Sitte des Weitergebens kennen. Ein Jahr später fuhren einige Altpfadfinder nach Wien und holten dort das Licht ab. Bei jedem Bahnhofshalt wurde es an Pfadfinder weitergereicht, die über ein Netzwerk davon erfuhren. Schließlich wurden die Pfadfinderverbände 1996 offiziell eingeladen, „Lichtträger“ zu sein und „Menschen guten Willens“ für die Aktion zu gewinnen.

In diesem Jahr wird das Friedenslicht mit einer Lichtstafette bis Heiligabend in rund 30 Städten in Deutschland verteilt. Rund 150 Pfadfinder reisten von 14. bis 17. Dezember als deutsche Friedenslichtdelegation nach Wien, darunter 37 evangelische Pfadfinder. Der Aussendegottesdienst für die Pfalz und Saarpfalz findet traditionell im Wechsel zwischen dem Speyerer Dom und der Gedächtniskirche der Protestation in Speyer statt.

Mit dabei bei der diesjährigen Feier in der Gedächtniskirche war die VCP-Pfadfinderin Paula Sitter aus Kusel, die gemeinsam mit vier anderen Pfadfindern das Friedenslicht aus Wien holte. Seit 2009 ist die 16-jährige Schülerin bei der „schönen Aktion in der Weihnachtszeit“ dabei. Fest glaubt sie daran, dass der Friedenslichtappell in Gesellschaft und Politik gehört und ernst genommen wird. Viel sei erreicht, wenn das Licht helfe, dass Frieden „ein Gesprächsthema bleibt und die Menschen sich darüber Gedanken machen“, sagt die Pfadfinderin vom Stamm Albert Schweitzer aus Breitenbach.

Für Jule Lumma, die Bundesvorsitzende der evangelischen Pfadfinder, sind die Aussendegottesdienste ein besonderes Erlebnis. Vor einigen Jahren fuhr sie selbst mit einer Gruppe nach Wien, um das Friedenslicht abzuholen. „Für mich ist der schönste Moment, wenn das Friedenslicht verteilt wird“, erzählt die aus Lambsheim bei Frankenthal stammende Pfadfinderin. „Ob in Speyer bei dem Aussendegottesdienst oder im Weihnachtsgottesdienst in meiner Heimatgemeinde – wenn das Licht weitergetragen wird, der Schein sich im Kirchenraum ausbreitet und Kerzenschein den Heimweg begleitet, ist das ein andächtiger Moment“, sagt Lumma, die die Onlineredaktion eines Mainzer Medienunternehmens leitet. Auch sei es schön anzusehen, wie die Botschaft des Friedenslichts weitergetragen werde.

Ein Patentrezept dafür, wie man am besten Frieden schafft, haben natürlich auch die Pfadfinder nicht. Aber sie wissen, dass es wichtig ist, dass man sich auf den Weg macht, Ängste und Vorurteile abbaut und auf den Nächsten zugeht. Ein langer Atem sei nötig und trotz vieler Hindernisse dürfe man das Ziel nicht aus den Augen verlieren, sind sich die Pfadfinderverbände einig. Zusammen mit anderen Menschen sei es daher oft einfacher, einen langen und schweren Weg zu überwinden.

Und lang ist der Weg, den das Friedenslicht aus Bethlehem nimmt. Über mehr als 3000 Kilometer überwindet es Grenzen und verbindet Menschen vieler Nationen und Religionen miteinander. Frieden sei machbar und keine Utopie, betont VCP-Sprecherin Dohmann. Die aktuellen Unruhen im Heiligen Land gefährdeten die Friedenslichtaktion in diesem Jahr nicht: Glücklicherweise habe Friedenslichtkind Tobias das Licht entzündet, bevor US-Präsident Donald Trump ankündigte, die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen.

Das Friedenslicht gemahnt besonders auch die politischen und religiösen Entscheidungsträger, sich nach Kräften für ein friedvolles Miteinander einzusetzen. „Wenn einer ein Licht entzündet, bedeutet es nicht viel“, sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), als die Pfadfinder sie 2016 mit dem Licht in Mainz besuchten. „Wenn es viele tun, wird die Welt heller. Jede und jeder für uns muss sich für Frieden einsetzen – dann erreichen wir auch etwas.“ Alexander Lang

 

 

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