Auf der Suche nach dem Paradies

Vor 250 Jahren siedeln die ersten Pfälzer in Andalusien – Werber locken mit falschen Versprechungen

Weiß getüncht: Typische Kolonistenhäuser aus dem 18. Jahrhundert in Santa Elena, eine der ersten Siedlungen. Foto: Hartkopf

Schöner kann man es schwer ausmalen: „Glückshafen oder Reicher Schatz-Kasten, welchen der Spanische Monarch als einer derer reichesten Königen zum Trost und Nutzen aller Teutschen und Niederländischen Bauersleuten, Taglöhnern, Handwerksmännern, Burschen oder Gesellen, Jungen und Alten, Ledig- und Verheuratheten Manns- und Weibspersonen und kleinen Kindern, aufgeschlossen hat.“ Diese Zeilen auf einem Flugblatt, das 1767 in der Kurpfalz zirkuliert, haben eine enorme Wirkung auf die Bewohner. Schließlich plagen sie schon seit Jahren Kriege, Missernten und Hungersnöte. Letztlich wird das Flugblatt zur Triebfeder der pfälzischen Andalusienauswanderung. Insgesamt ziehen zwischen 1767 und 1769 rund 8000 Deutsche, Schweizer, Niederländer, Österreicher, Italiener und Franzosen in die spanischen Kolonien – den Verheißungen der nicht ungeschickten Werber folgend.

Die Regierung unter dem spanischen König Carlos III. macht den Versuch, mit gezielten Maßnahmen der Entvölkerung und Verödung weiter Landesteile der Iberischen Halbinsel entgegenzuwirken. Besonders schlimm sind die Zustände in der Gebirgsregion der Sierra Morena und entlang der Handelsstraße von Madrid zur andalusischen Hafenstadt Cadiz. Hier blüht das Banditenunwesen. Davon hört auch der Bayer Johann Kaspar Thürriegel, der spätere Verfasser der oben zitierten Zeilen. So bietet er in Madrid seine Dienste an. Im Juli 1767 erteilt ihm König Carlos III. ein königliches Patent zur „Heranführung von 6000 katholischen Kolonisten“. Thürriegels Unternehmen ist gut organisiert. Seine Agenten sorgen an den Etappenorten für Unterkünfte der Auswanderer, zahlen ihnen das festgelegte Zehrgeld aus, geben Anweisungen für die nächste Etappe und ermahnen die Kolonisten in spe, „sich untereinander ebensowohl als gegen die Einwohner der Ortschaften, wo sie durchreisen, sehr friedsam und dergestalten wohl aufzuführen, wie es ehrliebenden Leuten von guten Sitten zusteht“.

Auf der Reise läuft jedoch nicht alles so einfach wie versprochen. Die in den Flugblättern geschilderten Verhältnisse weichen extrem von der Wirklichkeit ab. Zwar ist die Reise im Vergleich zur Überfahrt nach Nordamerika deutlich kürzer, entpuppt sich aber als äußerst mühsam, sodass etliche Auswanderer erkranken oder sterben, ohne das verheißene Land zu erreichen. Diejenigen, die es schaffen, finden statt den versprochenen paradiesischen Zuständen mit bis zu drei Ernten im Jahr Macchia oder karstige Einöde vor. Dazu kommen Hitze, Wassermangel, fremde Nahrung und eine ihnen unverständliche Sprache.

Doch davon wissen die „Wanderungswilligen“ nichts. Trotz des Auswanderungsverbots in der Kurpfalz ziehen sie in Scharen zu den von Thürriegel genannten Sammelstellen: Vom elsässischen Schlettstadt aus geht es über Belfort und Lyon nach Sète. Von dort bringt ein Schiff die Kolonisten zu den Häfen Málaga, Almería oder San Lucar. Ein anderer Weg führt durch Frankreich und über Pamplona und Madrid zur Aufnahmestelle in Almagro – zwischen Madrid und Cordoba gelegen.

Dort notiert der Meldeposten am 31. Oktober 1767: „Enrique Simmerman, 38 años, de Porstead en el Palatinado, Labrador, Padre de Familia.“ Der Einwanderer hat seine Personendaten mangels Dokumenten mündlich auf Pfälzisch gemacht, der Registrator schreibt sie nach Gehör in die Liste. Auf Deutsch: „Heinrich Zimmermann, 38 Jahre alt, aus Börrstadt in der Pfalz, Ackersmann, verheiratet.“ Mit Zimmermann kommen seine Frau Elisabeth Kessler aus Offenbach an der Queich sowie die Söhne Jakob und Franz. Wie Hunderte andere wandern auch sie von Almagro ins 90 Kilometer südlich gelegene Kolonisationsgebiet weiter.

Dort begleicht die Staatskasse das Reisegeld der Einwanderer, wie es das „Fuero de Población“, Sonderrecht für die Neuen Siedlungen, festlegt. Die Siedler sollen im ersten Jahr Lebensmittel, Saatgut, Haustiere und Werkzeuge erhalten, jede Familie ein Haus sowie rund 20 Hektar Land, die im Grundbuch eingetragen werden und vererblich sind. Zehn Jahre sind die Kolonisten von der Steuer befreit. Weil man aber nicht mit einer solch raschen Ankunft so vieler „Colonos“ gerechnet hat, müssen die Einwanderer monatelang in einem zerfallenen Kloster vegetieren. Erst nach und nach stampft das spanische Militär ganze Ortschaften aus dem Boden, parzelliert die Wildnis, lässt Straßen, Brücken, Brunnen und Mühlen erbauen, Herden, Haustiere, Werkzeuge und Samen zuteilen.

Die Siedlungen erhalten von Anfang an spanische Namen. Zum Hauptort wird zu König Carlos’ Ehren La Carolina erkoren. Hier befindet sich auch der Regierungssitz des Superintendenten der neuen Kolonie, Pablo de Olavide. Die Siedlerhäuser werden nach einheitlichem Muster, meist einstöckig, errichtet. Die Orte erhalten eine Kirche, ein Rathaus, eine Schule und einen Getreidespeicher. Gemeindevorsteher und -räte werden – für damalige Verhältnisse sehr fortschrittlich – durch Wahlen bestimmt. In Glaubenssachen stehen deutsche Ordensbrüder zur Verfügung. Thürriegel hat allerdings im Vorfeld verschwiegen, dass im katholischen Spanien keine Protestanten erwünscht sind. So haben sich unter die Zuwanderer auch Reformierte und Lutheraner eingereiht, die jetzt zusehen müssen, aus der Situation das Beste zu machen.

1775 wird Bilanz gezogen: In den 15 neuen Städten und 26 Dörfern leben 10?420 Menschen. Es gibt 2282 Häuser, 26 Kirchen, 15 Wirtshäuser, 20 Mühlen, Leinen-, Woll-, Seide- und Hutfabriken sowie drei Porzellanmanufakturen. Tausende Parzellen sind zugeteilt und in fruchtbare Äcker verwandelt. Neben Getreide und Feldfrüchten gedeihen mehr als eine Million Maulbeer-, Oliven- und Obstbäume sowie 29?000 Rebstöcke. 1835 wird das Sonderrecht aufgehoben und die Siedlungen in das spanische Verwaltungssystem eingegliedert. Fortan siedeln sich auch vermehrt spanische Landsleute in der Kolonie an.

Der Erfolg der Besiedlung wird nun, 250 Jahre später, mit historischen Kongressen, Ausstellungen, Umzügen und Festen gefeiert. Die Feiernden heißen Amberger, Bayer, Eberle, Funk, Kuhn, Neff, Pioth, Ruf, Starck oder Wasner – die Familiennamen ihrer pfälzischen Vorfahren. Das liegt in dem alten spanischen Namensrecht begründet, wonach man zwei Familiennamen erhält – jeweils den ersten des Vaters und den ersten der Mutter. Auf Friedhöfen finden sich Grabsteine mit deutschen Namen; oft handelt es sich um Erdbestattungen und nicht um die in Spanien üblichen Nischengräber. In manchen Orten findet bis heute das „Pintahuevos“ statt – der in Spanien unbekannte Brauch, Eier zu bemalen, den die Einwanderer mitbrachten. Höhepunkt der Jubiläumsveranstaltungen ist die Ordensverleihung durch die „Kolonisten-Bruderschaften“. Wer sich Ehrenkolonist nennen darf, ist darauf, ohne jede Deutschtümelei, besonders stolz. Herbert Hartkopf

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