Mit eigenen Talenten überzeugen

Projekt „Schwer-begabt“ bringt seit 2015 in der Pfalz Menschen mit Handicap in den Arbeitsmarkt

Im Gespräch mit einer Arbeitssuchenden: Julia Röckel vom Verein zur Förderung der beruflichen Bildung in Germersheim. Foto: Iversen

„Ich habe eine Lernbehinderung, kann sehr gut lesen und schreiben. Beim Rechnen hapert es. Ich kann sehr gut mit Menschen umgehen“, sagt Marita Schneider (Name von der Redaktion geändert). Selbstbewusst steht die junge Frau mit der blauen Strähne im Haar da und zählt ihre Talente auf. Pflegefachkraft möchte sie gerne werden, Erfahrungen hat sie schon privat gesammelt. Auf ihrem Weg in den ersten Arbeitsmarkt wird sie von Julia Röckel vom Verein zur Förderung der beruflichen Bildung (VFBB) in Germersheim unterstützt. Der VFBB gehört neben dem Arbeitskreis für Aus- und Weiterbildung in Landau und dem Verein zur Beratung, Förderung und Bildung arbeitsloser Jugendlicher und Erwachsener (BFB) in Neustadt und Grünstadt zu den drei ­Bildungsträgern des Projekts „Schwer-begabt – Unternehmensberatungs- und Integrationsservice“.

Das Inklusionsprojekt für arbeitssuchende Menschen mit Behinderung wird seit April 2015 im gesamten Bezirk der Agentur für Arbeit Landau, die die Gesamtkoordination innehat, durchgeführt. Dazu gehören die Landkreise Bad Dürkheim, Germersheim und Südliche Weinstraße sowie Landau und Neustadt. Das Besondere an dem Projekt, das mit knapp 1,8 Millionen Euro vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales als Teil des Programms der Bundesregierung zur „intensivierten Eingliederung und Beratung von schwerbehinderten Menschen“ gefördert wird, ist die ganzheitliche Ausrichtung: Es hat arbeitssuchende Menschen mit Handicap genauso im Blick wie potenzielle Arbeitgeber.

So hat Julia Röckel mit Marita Schneider in Einzelgesprächen ihre beruflichen Wünsche analysiert, um dann eine Talente-Mappe zu erarbeiten. „Das ist eine Ergänzung zum Lebenslauf“, erläutert Doris Eberle, Geschäftsführerin des VFBB. Die Mappe soll aufzeigen, welche besonderen Qualifikationen die Behinderten haben, was sie trotz ihrer Behinderung alles können und welche Vorteile die Arbeitgeber bei ihrer Beschäftigung haben. Wie bei Tim Zieger (Name von der Redaktion geändert). Der junge Mann möchte gerne als Verkäufer arbeiten. Da er an Osteoporose leidet, kann er nicht schwer heben. Außerdem hat er eine schwere Sehbeeinträchtigung. „Ich kann lesen, denn mit der Brille ist die Sehbehinderung ausgeglichen“, sagt er. Außerdem verfüge er über sehr gute PC-Kenntnisse und könne die Kunden in allen Belangen unterstützen. Diese Betonung der jeweiligen Talente entspricht einem Paradigmenwechsel, der aktuell im Bereich der Inklusion stattfindet, sagt Pfarrer Thomas Jakubowski, Beauftragter für Behindertenseelsorge und integrative Gemeindearbeit bei der Evangelischen Kirche der Pfalz. Dies sei ein neuer Ansatz, man spreche jetzt von ressourcenorientiert und begabtenorientiert. „Die Menschen sollen anbieten, was sie können“. Bereits in der biblischen Sprache heiße es „Talente“, spannt Jakubowski einen Bogen zum Projekt „Schwer-begabt“.

Die Projektteilnehmer machen alle freiwillig mit. Für viele ist es die letzte Hoffnung, einen Fuß in den Arbeitsmarkt zu bekommen. „Mein größter Wunsch ist es, wieder in Arbeit und Brot zu kommen“, sagt Manfred Breidenbach. Der Germersheimer ist 59 und leidet unter Schmerzattacken. „Wenn so eine Attacke kommt, ziehe ich mich zurück und falle für einige Wochen bei der Arbeit aus“, erzählt er. Nun ist er sehr froh, beim Projekt mitmachen zu können. Jede Woche geht er einmal zum Einzelcoaching sowie alle zwei Wochen zu Gruppengesprächen. Allein das Gespräch mit den anderen Betroffenen hilft ihm schon. „Man sieht, dass es anderen genauso oder noch schlechter geht“, sagt er.

Während die Projektteilnehmer, die im Schnitt sechs Monate begleitet und unterstützt werden, an ihren Bewerbungsunterlagen arbeiten, suchen die Mitarbeiter parallel nach geeigneten Unternehmen. „Das ist die größte Hürde“, sagt Eberle. Denn nur wenige Betriebe seien leider bereit, Menschen mit Handicap einzustellen. „Dabei sind es tolle Arbeitnehmer und Defizite kann man ausgleichen“, betont sie. So werden die Unternehmen informiert, welche – auch finanziellen – Möglichkeiten es gibt, wenn ein behinderter Arbeitnehmer eingestellt wird. Das geht von der Ausstattung des Arbeitsplatzes bis hin zur Hilfe bei der Beschaffung und Bearbeitung wichtiger Antragsformulare. So ist es auch Julia Röckel gelungen, ein Seniorenzentrum davon zu überzeugen, Marita Schneider zum Kennenlerngespräch einzuladen. Als Ergebnis kann die junge Frau nun zunächst ein 14-tägiges Praktikum machen. Röckel hofft, dass es danach mit einer Qualifizierungsmaßnahme weitergeht.

Ein Arbeitgeber, der bereits Menschen mit Handicap beschäftigt, ist Sascha Thomas, Geschäftsführer der Sozialkaufhäuser in Bad Dürkheim und Ludwigshafen. Seine neuen Mitarbeiter mit Handicap hat er zunächst mit einem befristeten Arbeitsvertrag im sogenannten „sozialen Entleih“ eingestellt – mit einem Arbeitsvertrag der VFBB-Tochter Gabis GmbH (Gemeinnützige Arbeitnehmerüberlassung der Beschäftigungsinitiative Speyer). Auf diese Weise übernimmt Gabis mehrere Monate die Kosten für das Gehalt. „Ein weiteres unbürokratisches Instrument zur Eingliederung schwerbehinderter Menschen in den ersten Arbeitsmarkt“, ergänzt Eberle. So hätten die Menschen die Möglichkeit, sich beim Arbeitgeber zu beweisen, ohne Kosten zu verursachen.

Schon 223 Menschen mit Behinderung haben beim Projekt mitgemacht, 82 konnten auf eine Ausbildungsstelle oder einen Arbeitsplatz vermittelt werden. „Das ist jeder dritte Projektteilnehmer“, verdeutlicht Markus Landua vom BFB Grünstadt. „Wir hoffen, mit dem Projekt eine Veränderung in den Köpfen der Arbeitgeber zu erreichen und sie davon zu überzeugen, dass Menschen mit Behinderung tolle Arbeitnehmer sind“, sagt Eberle. Jetzt hoffen alle, dass das Projekt nach dem Auslaufen zum 31. März 2018 weitergeht und zu einer festen Einrichtung wird. Anette Konrad

Der Unternehmensverbund

Der Verein zur Förderung der beruflichen Bildung (VFBB) wurde 1984 in Speyer gegründet. Er hat außerdem Büros in Ludwigshafen, Schwetzingen, Germersheim und Landau und beschäftigt 60 Mitarbeiter.

Als Partner für Fort- und Weiterbildung, berufliche Qualifikation und Arbeitsvermittlung entwickelt er praxisnahe Konzepte und Projekte zur In­teg­ration Arbeitssuchender am Arbeitsmarkt, die er gemeinsam mit der Gabis GmbH durchführt.

Diese agiert als Zeitarbeitsunternehmen und verfolgt einen gemeinnützigen Ansatz, indem sie einen Teil ihrer erzielten Gewinne in soziale Projekte investiert. Das Ziel ist die Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Die Gesellschafter der Gabis sind neben dem VFBB die Stadt Speyer, der Rhein-Pfalz-Kreis, die Katholische Gesamtkirchengemeinde und die Protestantische Kirchengemeinde Speyer, die Katholische Arbeitnehmerbewegung KAB und die VTG Vermögensverwaltungs- und Treuhand-Gesellschaft des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Zusammen mit der 2004 gegrün­deten Dienstleistungs-Innovations-Arbeitsvermittlungsgesellschaft bilden VFBB und Gabis einen Unternehmensverbund mit dem Hauptanliegen, langzeitarbeitslose und schwer vermittelbare Menschen zu fördern, zu qualifizieren und zu beschäftigen. rad

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