Kleiner musikalischer Grenzverkehr

Der deutsch-französische Kirchenchor Bad Bergzabern-Wissembourg ist in der Landeskirche einmalig

Hat mit dem deutsch-französischen Chor 15 bis 20 Auftritte im Jahr: Christiane Martin bei der Probe in Bad Bergzabern. Foto: VAN

Dass Elsässer und Südpfälzer speziell in den Anrainerregionen ein vorzügliches Miteinander pflegen, weiß man nicht erst, seit der Schlagbaum Geschichte ist. Zu verwoben sind seit Urzeiten Landschaft, Dialekt, Verwandtschaftsverhältnisse. Und selbst in Zeiten politisch verordneter Konfrontation florierte der kleine Grenzverkehr ungebrochen hinter dem Rücken der verfeindeten Machthaber.

Und doch prunkt, was die engagierte Kirchenmusikerin Christiane Martin aus Wissembourg aufgebaut hat, mit einem Alleinstellungsmerkmal: Sie leitet den deutsch-französischen Kirchenchor Bad Bergzabern-Wissembourg – den einzigen seiner Art in der Evangelischen Kirche der Pfalz. Seit 2013 musiziert die gut 30 Stimmen starke grenzüberschreitende Chorgemeinschaft. Geboren aus der Not, die rasch zur Tugend mutierte, wie die temperamentvolle Dirigentin schildert.

Sowohl in der Inspection Wissembourg, an der Kirche St. Jean, ihrem eigentlichen Dienstort, als auch an der Marktkirche Bad Bergzabern seien die Chöre geschrumpft. Und da auch zwischen den beiden Dekanen – hier Dietmar Zoller, dort Pasteur Marc Seiwert, der Ehemann von Christiane Martin – seit jeher ein freundschaftlicher Austausch gepflegt wird, lag die Lösung eigentlich auf der Hand. Aus zweimal „klein“ mach’ einmal „groß“ – der deutsch-französische Kirchenchor war geboren.

Zwischen 15 und 20 Auftritte pro Jahr listet Martin auf. Abwechselnd werden die Gottesdienste in der Marktkirche und in St. Jean bedient, aber auch mal eine Abendandacht in der Bergkirche gestaltet. Die beiderseitigen Dekanatsmusiktage sind ebenso Programmbestandteil wie der eine oder andere Open-Air-Gottesdienst. Erntedank, Weihnachten und Ostern sind – selbstredend – Großeinsatztage. „Oft werden wir auch eingeladen von Gemeinden aus der Südpfalz oder dem Elsass, wo es halt gerade keinen Chor gibt“, so Martin.

Auch bei der Literatur achtet die agile blonde Leiterin streng auf Parität. „Wir schöpfen sowohl aus den großartig bestückten Chorheften des Landesverbands wie aus französischen Editionen.“ Das erweitere den jeweiligen Horizont, mache mit der Tradition der Partner vertraut. Geprobt wird dienstagabends, 14-tägig in Wissembourg, dazwischen im Bergzaberner Gemeindehaus in der Luitpoldstraße. Die „Verkehrssprache“ ist Elsässisch – und die schmeichelt sich aus dem Munde von Christiane Martin mit ganz eigenem, fröhlich schlagfertigem Charme in die Gehörgänge. Und klar, den Zungenschlag verstehen ausnahmslos alle.

Dennoch, am französischen „Comme il faut“ führt kein Weg vorbei. „Anfangs“, so erzählt beispielsweise Dorle Paulat, „haben wir uns schon etwas schwergetan, die sprachliche Hürde zu überwinden. Für die französischen Freunde war es leichter – die sprechen alle Elsässer Dialekt.“ Ihr Chorkollege Norbert Heft pflichtet, vielsagend lächelnd, bei. Aber inzwischen sei man selbstbewusster, habe schon ein recht ansehnliches Repertoire auf Lager. „Und vor allem“, fügt er hinzu, „die Chemie stimmt. Wir sind uns auch über das Singen hinaus herzlich zugetan.“

Christiane Martin, deren konzentrierte wie fröhlich zupackende Probenarbeit allen sichtlich Freude bereitet, war bereits im Alter von 14 Jahren regelmäßig sonntags zum Orgeldienst in ihrer Heimatgemeinde im elsässischen ­Woerth angetreten. Nach dem Studium der Kirchenmusik an der Theologischen Fakultät der Universität Strasbourg, das sie 1998 mit Diplom (vergleichbar einem hiesigen B-Examen) abschloss, ging sie beruflich andere Wege, arbeitet heute als leitende Beamtin in Woerth. Dabei blieb aber die Musik nie auf der Strecke, leitete sie mehrfach Chöre und ist bis heute Organistin in Wissembourg und Bad Bergzabern.

Aktuell steht das Reformationsjubiläum im Fokus. Und da fiebern etliche Mitglieder des deutsch-französischen Kirchenchors auf ein Ereignis besonders hin: Sie sind Mitstreiter im Projektchor für die zeitgenössische Oper „Luther ou Le Mediant De la Grâce“, die in den kommenden Wochen auf sechs Stationen die französische Nachbarregion bereist. Pasteur Marc Seiwert, nicht allein Dekan in Wissembourg, sondern auch präsidialer Beauftragter der Union Protestantischer Kirchen in Elsass und Lothringen und damit Mitorganisator des Projekts, hat den Kontakt mit Freuden hergestellt. „Wir sind aufgeregt, gespannt und freuen uns einfach irrsinnig darauf. In der Chronik unserer Chorgemeinschaft wird das ein dickes Ausrufezeichen erhalten.“ Gertie Pohlit

Französische Luther-Oper mit deutscher Chorbeteiligung

Komposition im Auftrag der Union Protestantischer Kirchen von Elsass und Lothringen zum Reformationsjubiläum – Sieben Aufführungen

Die Tischrunde hat sich zum Essen versammelt: Melanchthon ist dabei, ein paar Studenten auch und Familienmitglieder, allen voran Katharina, die Hausherrin. Luther indes lässt auf sich warten, und so werden die Gläser gefüllt, nehmen die Gespräche an Fahrt auf, machen Scherze die Runde, kritische Kommentare befördern den Disput.

Schlüsselszenen aus Luthers Leben werden lebendig. Allmählich formt sich ein facetten- und kontrastreiches Gemälde der Persönlichkeit des Reformators, ebenso wie der universellen geschichtlichen Eruptionen jener aufwühlenden Epoche.

Gabriel Schoettel, der Librettist, ein in Frankreich bekannter Romancier und Verfasser historischer Traktate, und der Komponist und Dirigent Jean-Jacques Werner haben die Oper „Luther oder Der Bettler der Gnade“ im Auftrag der Union Protestantischer Kirchen von Elsass und Lothringen zum Reformationsjubiläum geschaffen. Kein biografisches Kaleidoskop, sondern ein zeitgenössisches Bühnenstück mit explizit sozialkritischem Sendungsbewusstsein.

Luthers Satz „Wir sind alle Bettler, das ist wahr“ wird zum Leitmotiv des in Wahrheit „geschenkten“ Lebens, das man sich nicht verdienen kann, das vielmehr vorhanden ist. Das Opernprojekt mit professionellen Gesangssolisten, Schauspielern, einem kleinen Orchester aus Mitgliedern der Musikhochschule Strasbourg sowie einem Projektchor konkretisiert diese theologische Wahrheit. Über das Bühnengeschehen hinaus und gegen das landläufige Image vom elitären Opernbetrieb.

So werden über die Gemeinden und diakonischen Einrichtungen der Aufführungsorte je zehn Personen eingeladen, „die in besonderer Weise unserer Aufmerksamkeit bedürfen – Obdachlose, Menschen mit Behinderung, Asylsuchende, Bettler“, wie es im Flyer heißt.

Für „Luther ou Le Mediant De la Grâce“ unter Leitung von Remi Studer, mit Sylvain Kuntz, Bariton (Melanchthon), und Mélanie Moussay, Sopran (Katharina von Bora) sowie weiteren Darstellern sind sieben Aufführungen geplant:

14. Oktober, 20 Uhr: Barr, Evangelische Kirche; 15. Oktober, 17 Uhr: Wissembourg, Kultur- und Festhalle „La Nef“; 26. und 27. Oktober, jeweils 20 Uhr: Strasbourg, Cité de la Musique; 1. November, 17 Uhr: Metz, NEC Marly; 5. November, 16:30 Uhr: Saverne, Espace Rohan; 12. November, 17 Uhr: Mulhouse, Temple Saint-Étienne. Kartenverkauf online: www.operaluther.com. gpo

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