Gebärdensprache auf dem Rückzug

Gehörlosenseelsorge-Beauftragter Friedhelm Zeiß spricht über Herausforderungen in der Gehörlosenkultur

Kümmert sich in der Landeskirche um rund 400 Gehörlose und ihre Angehörigen: Pfarrer Friedhelm Zeiß. Foto: Bolte

Gebärden haben eine starke Aussagekraft – das bemerkt Friedhelm Zeiß nicht nur beim jüngst gegründeten Gebärdenchor Rheinland-Pfalz in Frankenthal, der der einzige seiner Art im Bundesland ist. Nein, ein Erleb­nis sei auch immer wieder der Motorrad-Gottesdienst im saarländischen Neunkirchen. Den hält der Pfarrer als Beauftragter für Gehörlosenseelsorge in der Evangelischen Kirche der Pfalz zusammen mit Pfarrerin Britt Goedeking. Während sie spricht, ist Zeiß, der selbst Motorrad fährt, für die Gebärden verantwortlich. Zusammen halten sie eine Dialogpredigt, die visuell unterstützt wird. „Am Ende kamen auch hörende Leute in seelsorgerischen Dingen auf mich zu“, sagt Zeiß. Und auch im Alltag nutzen ihm die Gebärden. Eigentlich habe er ein schlechtes Namensgedächtnis. Wenn er einer Person begegne, könne seine Hand aber den Anfangsbuchstaben formen, weil sich das viel unmittelbarer einpräge. So komme er häufig auf den Namen. „Ich habe viele Namen mit der Hand abgespeichert“, sagt Friedhelm Zeiß.

Trotzdem hält der Vorsitzende der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Gehörlosenseelsorge eine eigenständige Gehörlosengemeinde für die pfälzische Landeskirche nicht für sinnvoll. Eine solche existiert unter dem Namen Evangelisch-Lutherisch-Gebärdensprachliche Kirchengemeinde seit Jahresbeginn in Bayern, ist mit 2000 Gläubigen und 16 Gemeindeteilen die erste ihrer Größenordnung in Deutschland. Zeiß freut sich über die Initiative. „Allerdings kommt sie etwas zu spät.“

Zeiß befürchtet, dass auf 20, 30 Jahre gesehen der bayerischen Gemeinde die Mitglieder ausgehen. Grund sei, dass heute schon Kinder, die taub oder stark schwerhörig sind, aber gesunde Hörnerven haben, operiert werden. Innerhalb des sogenannten Cochlea-Implantats erregen elektrische Ströme den Hörnerv des Ohrs mit Elektroden, die in der Hörschnecke, der Cochlea, sitzen. Die Implantatträger lernen diese neuen Signale bekannten Hörmustern zuzuordnen. Je früher eine Operation erfolgt, desto höher sind die Erfolgsaussichten. Rund ein Drittel der Patienten spürt allerdings danach keine Änderung, ein weiteres Drittel leichte Verbesserungen. Ein Drittel versteht anschließend die Lautsprache gut, Tendenz steigend, sagt Zeiß.

So gehe der Trend mehr und mehr zur Inklusion von Gehörlosen. Operierte Kinder würden zunehmend in reguläre Schulen geschickt. Die Gehörlosencommunitys, in denen man sich ausschließlich per Gebärdensprache unterhält, verlören ihren Nachwuchs. „Unter 30-jährige Gehörlose gibt es nicht mehr so viele“, sagt Zeiß. In Deutschland gibt es aktuell noch rund 80000 Gehörlose, die sich vor allem noch auf die Großstädte verteilten, sagt Zeiß. Frankenthal sei durch den Landesverband der Gehörlosen und mehrere Bildungseinrichtungen trotz verhältnismäßig geringer Stadtgröße hier natürlich auf jeden Fall hinzuzurechnen.

Die Cochlea-Implantate werden allerdings von vielen kritisch gesehen. Auf der einen Seite erfordere ein Implantat eine stärkere Konzentration vom Träger, was das Hören angeht, sagt Zeiß. Er kenne deshalb Gehörlose, die sich nach Feierabend freuten, das Gerät abzulegen und entspannt in Gebärden zu kommunizieren – sofern sie dies können. Viele Implantatträger hätten dies aber gar nicht gelernt.

Auf der anderen Seite empfänden sich viele Gehörlose ohne Implantat gar nicht als ausgeschlossen, sondern sehen sich als Teil einer eigenen Kultur, die durch den zunehmenden Wegfall der Gebärdensprache bedroht sei. In diesem Zusammenhang weist Zeiß auf die Entwicklung einer „deaf theology“ in England und den skandinavischen Ländern hin. So vermittle die Geschichte von der Heilung des Tauben durch Jesus den Eindruck, Gehörlose seien unvollkommen. Dabei könnten Hörende genauso etwas von dieser Kultur lernen.

Deshalb kann er gut die Motivation der bayerischen Gemeinde verstehen, deren Mitglieder forderten, kirchliches Leben solle ganz in Gebärdenkultur stattfinden. Dazu zählt sowohl die Übersetzung der Bibel mit Metaphern als auch die angestrebte Ausbildung gehörloser Pfarrer oder Diakone. Tatsächlich kämen bei übersetzten Predigten nur 30 bis 40 Prozent des Inhalts bei Gehörlosen an, sagt Zeiß, der das beim Dolmetschen bemerkt. Das Dolmetschen sei immer nur die zweitbeste Wahl. Dazu trage auch die alte Sprache der Liturgie mit ihren Worthülsen bei. Zeiß vergleicht das mit einem Geschenk, das in viele Schichten Geschenkpapier eingewickelt ist. „Wenn alle entfernt sind, ist nichts mehr übrig.“

Selbstverständlich habe das Übersetzen aber durchaus seine Berechtigung, etwa wenn die Eltern gehörlos sind, die Tochter aber hörend ist und beispielsweise konfirmiert wird oder heiratet. Die Evangelische Kirche in Deutschland stellt für das Dolmetschen jährlich 30000 Euro zur Verfügung, sagt Zeiß. Das sei „eine Anschubfinanzierung, das Geld reiche bei Weitem nicht aus. So sei man im Jahr 2016 schon bei 42000 Euro gewesen. Die restlichen Kosten tragen bisher die Landeskirchen, sagt Zeiß, der in der pfälzischen Landeskirche rund 400 Gehörlose inklusive deren Angehörigen betreut.

Dass eine Ausbildung gehörloser Pfarrer in der pfälzischen Landeskirche grundsätzlich machbar ist, wie sie die eigenständige Gehörlosengemeinde in Bayern anstrebt, will Zeiß nicht ausschließen. Allerdings stelle sich die Frage, wo diese Pfarrer eingesetzt werden könnten. „Schließlich gibt es bundesweit nicht so viele Stellen.“ Deshalb sieht auch Wolfgang Schumacher, Sprecher der Landeskirche, dies als unwahrscheinlich an. Florian Riesterer

Gehörlosengottesdienste

Frankenthal: in der Regel zweiter Sonntag jeden zweiten Monat, Kommunikationszentrum, Carl-Spitzweg-Straße 30, 14 Uhr. Nächster Termin: Sonntag, 10. September, Pfarrer Friedhelm Zeiß.

Kaiserslautern: erster Sonntag im Monat, Apostelkirche, Pariser Straße 32, 14 Uhr, abwechselnd katholisch und evangelisch, danach Kaffeetrinken im Gehörlosenzentrum, Pariser Straße 23. Nächster Termin: Sonntag, 3. September, Pfarrer Friedhelm Zeiß.

Landau-Queichheim: dritter Sonntag im Monat, evangelische Kirche, Herwartsgasse 1, 14 Uhr, abwechselnd katholisch und evangelisch. Nächster Termin: Sonntag, 15. Oktober.

Ludwigshafen: jeweils vierter Sonntag im Monat, Seniorentreff, Wegelnburgstraße 59, 14.15 Uhr, abwechselnd katholisch und evangelisch. Nächste Termine: Sonntag, 27. August, Pfarrer Ralf Maier; Sonntag, 24. September, Gemeindereferent Christoph Sommer.

Speyer: in der Regel zweiter Sonntag jeden zweiten Monat, Johanneskirche, Theodor-Heuss-Straße 24, 14.30 Uhr. Nächster Termin: Sonntag, 10. September, Pfarrer Ralf Maier.

Zweibrücken: in der Regel erster Sonntag im Monat, Johann-Hinrich-Wichern-Haus, Jakob-Leyserstraße 9, 14.15 Uhr, anschließend Kaffee und Kuchen. Nächster Termin: Sonntag, 3. September, Pfarrer i.?R. Victor Meyer.

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