Dankbarkeit als neuer Maßstab für das Leben

von Florian Riesterer

Florian Riesterer

Der ökumenisch-geistliche Übungsweg „erd-verbunden“ trifft mit seinem Thema, der Verantwortung des Menschen für die Schöpfung, den Nerv der Zeit. In seiner Neujahrsbotschaft hat der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, angesichts von Gewaltausbrüchen, Klimawandel und Flüchtlingsströmen rund um den Globus die Alarmstufe Rot für die Welt ausgerufen. Und in Erkelenz haben jüngst Bagger den mehr als 100 Jahre alten Immenrather Dom abgerissen. Der Braunkohle-Tagebau ­Garzweiler fordert seinen Tribut.

Ohne Zweifel ist die Menschheit selbst einer der wichtigsten Faktoren geworden, was geologische und atmosphärische Prozesse auf der Erde betrifft. Forscher wollen deshalb mit dem Anthropozän ein neues Erdzeitalter ausrufen. Die Zerstörung der Erde ist schon weit fortgeschritten, vieles, was der Mensch angerichtet hat, wie das Artensterben, ist unumkehrbar; was aber nicht heißt, dass es für den Menschen zu spät ist, umzudenken.

Genau hier setzt der Übungsweg an. Ziel der täglichen Lektüre ist ein Nachdenken über die eigene Lebensweise. Der Mensch in seiner gefühlten Allmacht tut, was er will und was ihm nützt – allein schon deshalb, weil er es kann. Das Verhalten jedes Einzelnen hat aber letztlich Auswirkungen, ob der Raubbau an der Natur weitergeht und sich die Menschen in zur Wüste gewordenen Erdteilen Richtung Europa in Bewegung setzen. Sich zurücknehmen zugunsten anderer, nicht den eigenen Profit als Maßstab der Dinge nehmen, sondern den Fortbestand der Erde: das ist schwierig, nimmt man sich in allem, was man tut, unter die Lupe. Wer die Menschheit als Maßstab nimmt, ist zum kompletten Umdenken gezwungen.

Begreift man sich selbst aber in der eigenen Sterblichkeit und fühlt man gleichzeitig die Dankbarkeit dafür, die Schöpfung für eine begrenzte Zeit erleben zu dürfen, ist die Spiritualität der Anker, der Halt geben kann. Gleichzeitig verbreitet der Übungsweg keinen Alarmismus à la Guterres noch kommt er moralisierend daher. Nein, die Kraft, zu einer Kultur des Lebens zu finden, kommt aus dem Evangelium heraus, das sich hier im wahrsten Sinne des Wortes als rettend für die Welt erweisen kann.

Allerdings wird es nicht reichen, wenn nur diejenigen das Erd-Verbundensein des eigenen Lebens begreifen, die den Übungsweg gehen. Die wahre Herausforderung wird sein, die Erkenntnisse daraus weiterzutragen; dazu braucht es zusätzlich ­Ideen zu ihrer Umsetzung. Die tragen dort aber nur schwer Früchte, wo Menschen ohnehin schon das Gefühl haben, von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein. Wer das Gefühl hat, nichts mehr verlieren zu können, sorgt sich nicht um das Bewahren dessen, was ist. Gerade deshalb ist der Weg zu einer Haltung der Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer und dem eigenen Leben der entscheidende Punkt. Offen zumindest steht er jedem.

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