Am offenen Grab mit monotoner Stimme

von Andrea Seeger

Andrea Seeger

Die Pfarrerin spricht mit monotoner Stimme, wer böswillig ist, könnte es leiern nennen. Sie beerdigt ein Mitglied ihrer Gemeinde, die in einer Kleinstadt liegt. Sie kennt den Verstorbenen kaum. Er besuchte den Gottesdienst nur zu Weihnachten. Das Vorgespräch führte sie per Telefon. Seinen Namen spricht sie falsch aus. Auch war er in seinem Berufsleben nicht Kaufmann, wie sie sagt, sondern Sachbearbeiter bei einer Versicherung. Kleinigkeiten? Nein! Nicht bei einem so einschneidenden, emotionalen Erlebnis wie einer Beerdigung. Die Familie hat mit der Kirche nicht viel am Hut. Es ist ihr aber wichtig, dass der Abschied würdevoll ist, dass Pfarrerin oder Pfarrer einen guten Schlusspunkt setzen.

Nicht wenige Menschen nehmen Kirche nur noch an markanten Punkten ihres Lebens wahr. Dazu gehören neben Trauungen und Taufen eben auch Beerdigungen. Sie erwarten eine stimmungsvolle Ansprache, den feierlichen Rahmen. Bei einer Beerdigung geht es darum, die Persönlichkeit des Menschen herauszuarbeiten, ein Gefühl dafür zu vermitteln, welch ein Verlust entstanden ist, die Trauernden zu trösten. Wem das gelingt, der macht seine Arbeit gut, der wirbt im besten Sinne für seine Institution.

Wem es aber nicht gelingt, schadet der Kirche. Nur spielt das innerkirchlich keine Rolle. Wer einmal das Vikariat, die praktische Ausbildung zum Pfarrer, hinter sich hat, kann frei schalten und walten, ähnlich den Lehrern. Qualitätskontrolle? Fehlanzeige! Es muss sich die Feedbackkultur innerhalb der Kirche noch entwickeln. Wenn verbindliche, nachprüfbare Vorgaben fehlen, können Pfarrerinnen und Pfarrer nicht bewerten, wie sie ihre eigene Arbeit einschätzen sollen. Nicht wenige reagieren wegen dieser Intransparenz mit Selbstimmunisierung gegen jede Einmischung in die Qualität ihrer Arbeit.

Bei vergleichbaren seelsorgerlichen Berufen wie dem Arzt oder Psychotherapeuten gehören Fortbildung und Kontrolle dazu. Seelsorge und Verkündigung sind Bereiche, in denen Menschen hohe Professionalität erwarten. Und wenn Pfarrerinnen und Pfarrer die nicht erfüllen? Was sich ja erst herausstellen wird, wenn die Sache gelaufen ist. Dann bleibt der Familie des Verstorbenen nach der Beerdigung mit der monoton sprechenden Pfarrerin nur, sich zu beschweren – beim Dekan oder der Dekanin. Aber wer weiß das schon? Und was bewirkt das?

Vielleicht ist es an der Zeit, Kriterien für Qualitätssicherung verbindlich einzuführen. Dafür könnte der Amtsinhaber oder die Amtsinhaberin eines Kasualpfarramts Trauerkultur zuständig sein. In diesem Amt müsste ein Feedback-Verfahren entwickelt werden, verbindliche Fortbildungen sollten zum Angebot gehören. Es kann Punkte geben, wie bei Lehrern üblich. Und natürlich gehört eine Qualitätskontrolle dazu. Das könnten zum Beispiel auch unangemeldete ­Besuche bei Trauerfeiern sein.

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