Liberales Bürgertum prägt die Unionskirche

von Martin Schuck

Martin Schuck

Das Besondere an der pfälzischen Unionskirche lässt sich am Namen zweier Tagungshäuser ablesen, die nach Personen benannt sind, die in den Anfangsjahren der Landeskirche eine wichtige Rolle spielten. Das Tagungshaus in Landau ist nach dem Journalisten Johann Friedrich Butenschoen benannt, der während der Französischen Revolution mit den Jakobinern sympathisierte und gut zwei Jahrzehnte später eine prägende Gestalt der Union wurde. Ein anderes Haus ist in Homburg nach Philipp Jakob Siebenpfeiffer benannt. Der Jurist nahm 1821 an der pfälzischen Generalsynode teil und war 1832 ein Hauptorganisator des Hambacher Festes.

Beim Neuaufbau gaben also in der Pfalz, anders als in anderen Landeskirchen, weder orthodoxe Lutheraner noch aufgeklärte Monarchen den Ton an, sondern Vertreter eines liberalen, selbstbewussten Bürgertums. Die Zeitumstände waren günstig: Mit dem Wiener Kongress wurde die Pfalz zwar Teil des Königreichs Bayern, fand aber wegen ihrer Randlage in München keine große Beachtung. Dazu kam die Besonderheit, dass in der Pfalz als ehemaligem französischem Departement weiterhin der von Napoleon eingeführte Rechtskodex galt, was den Bürgern mehr Freiheiten als im restlichen Bayern gab.

Für die kirchlichen Verhältnisse waren die zwei Jahrzehnte unter französischer Herrschaft Fluch und Segen zugleich. Ein Fluch waren sie deshalb, weil das kirchliche Leben wegen der religionsfeindlichen Politik der Revolutionäre in den ehemaligen lutherischen und reformierten Gemeinden völlig darniederlag. Zum Segen wurde dieser Zustand allerdings dadurch, dass ein Neuanfang möglich war, der von den fortschrittlichsten Theologen der Zeit gestaltet wurde.

Bereits im 18. Jahrhundert gab es in der evangelischen Theologie einen großen Umbruch. Ideen der philosophischen Aufklärung führten dazu, dass die Glaubenssätze in den reformatorischen Bekenntnissen neu interpretiert wurden. Biblische Aussagen wurden mit den Mitteln historischer Forschung neu bewertet; eine direkte Folge war, dass Jesu Auferstehung dem vernünftigen Denken zugänglich gemacht werden sollte. Die theologischen Spezialisten für diesen theologischen Rationalismus lehrten in Heidelberg und lieferten die Impulse für eine Wiederbelebung des kirchlichen Lebens in der Pfalz jenseits der alten konfessionellen Grenzen.

Es entstand ein neuer Typ des Protestantismus, dessen sichtbares Zeichen das gemeinsame Abendmahl war. Das heute noch Revolutionäre am pfälzischen Abendmahl besteht darin, dass gar nicht erst versucht wurde, die lutherischen und reformierten Lehren zu harmonisieren, sondern auf die biblischen Einsetzungsworte verwiesen wurde. Mit dem Hinweis auf die „ungestörte Glaubensfreiheit“ liegt somit die Interpretation des Abendmahlsgeschehens in der Macht jedes einzelnen Christen. 

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