Ein Dank im Jahr ist für die Welt zu wenig

von Klaus Koch

Klaus Koch

„Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher, dafür sei Gott gedankt!“ Dieser saftige Ausspruch Martin Luthers bei einer seiner Tischreden wäre heute kaum geeignet, am Erntedankfest Gott für seine guten Gaben zu loben. Die reine Freude an reichlich Nahrungszufuhr ist merklich getrübt. Bei jedem Bissen, bei jedem Schluck stellen sich moralische Fragen: Ist das biologisch angebaut und aus der Nähe, schadet es der Gesundheit, ist es den Tieren gegenüber ethisch vertretbar, sind die Erzeuger fair bezahlt worden? Essen ist in der westlichen Welt für manche zur Gewissensfrage geworden. In vielen anderen Ländern dieser Welt ist es jedoch immer noch eine Existenzfrage.

Erstmals seit zehn Jahren hat die Zahl der Menschen, die an Hunger und chronischer Unterernährung leiden wieder zugenommen: von 777 Millionen im Jahr 2015 auf 815 Millionen 2016. Das geht aus dem neuesten Bericht zur Lage der Ernährungssicherheit in der Welt hervor. Ohne gewaltige weitere Anstrengungen kann das Ziel der Vereinten Nationen, bis 2030 eine Welt ohne Hunger zu schaffen, nicht erreicht werden.

Dabei gibt es ausreichend Nahrung auf dem Planeten. Sie ist nur falsch verteilt. Schätzungen zufolge wird weltweit ein Drittel der Nahrungsmittel weggeworfen oder verdirbt. Die ­Lage ist also seit Jahrzehnten unverändert: Die einen leben in Saus und Braus, die anderen verhungern. Natürlich gibt es viele Gründe für den Hunger. Doch sicher ist, dass die, die im Überfluss leben, reichlich Anteil an der Not der Hungernden haben. Vor allem die reichen Länder befeuern den ­Klimawandel, der zu Dürren, Überschwemmungen und so zu Missernten führt. Die reichen Länder verkaufen die Waffen für die militärischen Konflikte in dieser Welt. Die Hälfte aller Hungernden lebt in Kriegs- oder Konfliktgebieten. Auch sind es die reichen Länder, die die Regeln des Welthandels diktieren, die mit Subventionen und Zöllen die Märkte so beeinflussen, dass lokale Landwirtschaft in den ­armen Ländern oft nicht konkurrenzfähig ist. Und nicht zuletzt stabilisiert der reiche Norden korrupte Regime im armen Süden.

Es reicht daher nicht, in den reichen Ländern einmal im Jahr innezuhalten und Gott für den Überfluss zu danken. Gerade Christen sind aufgerufen, die Schöpfung weltweit zu bewahren und Verantwortung für Arme und Schwache zu übernehmen. Doch das gelingt nur, wenn die Menschen im wohlhabenden Teil der Welt ihre Lebensweise und ihre Art des Wirtschaftens grundlegend ändern. Schön wäre, wenn dies aus moralischer Einsicht und ethischer Überzeugung geschähe. Aber auch aus Eigennutz muss sich schnell etwas ändern. Jeder neunte Mensch in der Welt leidet an Hunger oder ist chronisch unterernährt. Und auch wenn wir keine großen Hunger­erfahrungen haben, ist doch klar, ­wohin die Unterernährten wollen: ­dahin, wo sie hoffen, satt zu werden.

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