Ein Tüv-geprüfter Luther mit abnehmbarem Kopf

Evangelische Kirche lässt Motivwagen für Mainzer Rosenmontagsumzug bauen – Posaunenchor spielt Choral in fastnachtlicher Version dazu

Die Luthermacher: Der Wagen soll auch am 3. Oktober bei der Feier zur Deutschen Einheit in Mainz gezeigt werden. Foto: epd

Ein breites Grinsen oder gar eine rote Clownsnase hat Martin Luther nicht bekommen. Stattdessen blickt die 3,40 Meter hohe Styroporfigur im Hof des Wagenbauers Dieter Wenger recht staatstragend in den Mainzer Himmel – mit angedeutetem Mona-Lisa-Lächeln. Dabei sind dem Reformator in der Wagenbauhalle des Mainzer Carneval-Vereins die Thesenpapiere abhandengekommen. So hält er in der rechten Hand zwar den Hammer bereit, aber in der linken Fleischwurst, Wein und Brötchen. Der Motivwagen mit Luther und den wichtigsten Grundnahrungsmitteln der Mainzer („Weck, Worscht un Woi“) soll in der Fastnacht an das 500. Reformationsjubiläum erinnern.

Für das evangelische Dekanat Mainz hatte früh festgestanden, dass Rosenmontag ein passender Termin ist, um an das Jubiläum zu erinnern. Die eigentlich als eher fastnachtsfern verschriene Kirche wolle zeigen, dass sie sich selbst nicht allzu ernst nimmt, erklärt der evangelische Mainzer Dekan Andreas Klodt. Und außerdem passe Luther gut in die Fastnacht: „Luther war auch ein Mensch der Lebensfreude, und Mainz ist eine Stadt der Lebensfreude.“ Im Übrigen habe der Reformator den Wein vom Rhein tatsächlich sehr geschätzt: „Das ist historisch überliefert.“

Auch für Wenger ist die Kirche eigentlich ein vertrautes Thema. In der Vergangenheit dienten geistliche Würdenträger und Gläubige allerdings stets unfreiwillig als Motiv in der Mainzer Straßenfastnacht. Wagen, in denen der Papst im Papamobil die Ökumene über den Haufen fuhr oder der katholische Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, in einer Badewanne voller Goldmünzen steckte, sorgten immer wieder für Schlagzeilen, brachten dem Wagenbauer im Laufe der Jahre aber auch einigen Ärger ein. Dass sich eine Kirche ihren Motivwagen selbst bestellt, hat er so aber auch noch nicht erlebt. Ähnliche Lutherfastnachtswagen wurden auch in Düsseldorf und Braunschweig gebaut.

Auch technisch sei der Kirchenwagen für ihn eine echte Herausforderung gewesen, berichtet Wenger. Die Mainzer Protestanten hätten nämlich auf einer tiefergelegten, ebenen Plattform bestanden, auf der die mitfahrende Kirchendelegation kamellenwerfend ihren Luther durch das Mainzer Rosenmontagsgewimmel begleitet. „Sonst haben wir einen stufenförmigen Aufbau, und ganz oben thront der Vereinspräsident“, erklärt Wenger die Grundzüge seiner üblichen Konstruktionen, die die Kirche aus theologischen Erwägungen nicht wollte. Schließlich sollen die flachen Hierarchien bei den Protestanten auch jedem Mainzer Narren sofort ins Auge fallen.

Allein für den Bau des Motivwagens stellten Dekanat und Landeskirche 35000 Euro bereit. Der Lutherwagen solle im Laufe des Jahres aber noch bei weiteren Großveranstaltungen verwendet werden, kündigte die Vorsitzende der Dekanatssynode, Birgit Pfeiffer, an. Geplant ist unter anderem, ihn am 3. Oktober zu zeigen, wenn in Mainz die zentrale Feier zum Tag der Deutschen Einheit stattfindet. Sogar auf weite Reise könnte die Lutherfigur noch gehen. Damit der Motivwagen bei Transporten nicht an Straßenbrücken hängen bleibt, wurde der Styroporreformator eigens mit abnehmbarem Kopf versehen. Auch seine Fahrtauglichkeit musste amtlich attestiert werden. „Unser Luther ist Tüv-geprüft“, erklärt Wagenbauer Wenger.

Bei der Vorbereitung auf den Mainzer Rosenmontag läuft bislang alles nach Plan. Die evangelische Kirche hat 750 der berühmten Playmobil-Lutherfiguren geordert, die sie in die Menge werfen will. Außerdem wurden insgesamt 1000 Kilogramm Lutherbonbons bestellt, die manche evangelischen Familien sonst gerne am Reformationstag verteilen, wenn Kinder in Halloween-Gruselverkleidung an der Haustür um Süßigkeiten betteln. Schließlich stimmen auch die Wetterprognosen optimistisch. Eine Pleite wie 2016, als der Rosenmontagsumzug in Mainz kurzfristig wegen Unwettergefahr abgesagt wurde, droht zumindest nicht. Karsten Packeiser

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