Hüterin der Glocken im Südwesten

Birgit Müller betreut im Auftrag je zweier Landeskirchen und Bistümer Geläute von rund 5000 Türmen

Gutes Gehör gefragt: Die Glockenbeauftragte der pfälzischen Landeskirche, Birgit Müller, prüft auch, ob neue Geläute zu denen benachbarter Kirchen passen. Foto: LM

Mobil zu sein, spielte stets eine Rolle im beruflichen Selbstverständnis der Reiseverkehrskauffrau Birgit Müller. Dass Sie allerdings einmal fast permanent quer durch den Südwesten der Republik unterwegs sein würde, um dort fast ausschließlich Türme zu begutachten, war zunächst nicht ihr Plan. Müller ist die Glockenbeauftragte der pfälzischen Landeskirche. Unter anderem. Denn auch die Bistümer Speyer und Trier sowie die rheinische Landeskirche – der südliche Teil regulär, der nördliche Teil kommissarisch – haben sie zur Hüterin ihrer klingenden Botschafterinnen aus Stahl bestellt. So ist sie Herrin über 5000 Türme.

„Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“, so lässt Goethe seinen Türmer im Faust schwärmen. Zwar sind die Türmerklausen heute in aller Regel verwaist. Die Glocken indes, Uhrwerke des Alltags, Ruferinnen zu Gottesdienst und Gebet, Künderinnen von Jubel und Trauer, brauchen nach wie vor Wartung, Pflege und manchmal auch Aufforstung. Und zum Schauen und Sehen ist Birgit Müller heute immer noch bestellt, ein wenig. Gefragt ist allerdings weniger der weitschweifende Blick des Turmwächters, sondern das sachkundige Auge für alle Gegebenheiten im „Wohnstübchen“ der Glockenfamilie.

In die Schule gegangen ist die im vorderpfälzischen Meckenheim geborene Protestantin bei ihrem Mann Volker Müller, jahrzehntelang Glockenbeauftragter der Evangelischen Kirche der Pfalz. Nach dreijähriger Ausbildung und Examen war sie 2004 nach dem ruhestandsbedingten Ausscheiden ihres inzwischen verstorbenen Gatten in seine Fußstapfen getreten. Die beiden Bistümer versicherten sich nach und nach ihrer Fertigkeiten, durch ihre Beauftragung von der Evangelischen Kirche im Rheinland erstreckt sich der Dienst von Birgit Müller bis nach Luxemburg.

Rein fachlich ist die resolute Fachfrau eine echte Mehrkämpferin. So kennt sie sich mit Statik, Materialbeschaffenheiten und dem Glockenguss genauso aus wie mit der Bewertung baulicher Gegebenheiten und letztlich auch juristischen Vorgaben aller Art. Nicht zuletzt ist Müller das entscheidende Bindeglied zwischen den Gemeinden und allen mit dem Bereich Glocken betrauten Fachkräften. So vernetzt sie Architekturbüros mit Gießereien, berät die Gemeinden bei Neuanschaffungen und Restaurationen und sagt auch mitunter deutlich, wenn für eine Glocke das Ende gekommen ist. Dann, wenn sie samt Aufhängung nicht mehr in vernünftigem finanziellem Rahmen zu sanieren ist. So hat das Eingreifen von Birgit Müller schon manches Budget von Kirchengemeinden geschont.

Dass Glocken einer regelmäßigen Wartung bedürfen, schon allein der Sicherheit wegen, steht außer Frage. Hier ist Birgit Müller auf Wunsch bei Vertragsabschlüssen behilflich. Vernachlässigt eine Gemeinde diese Pflichten oder stellt Müller bei ihren turnusmäßigen Begehungen Mängel fest, kann es auch vorkommen, dass sie kraft Amtes einen Kirchturm „schließt“.

Innerhalb ihres Einsatzgebiets ist die Glockenbeauftragte, die zu ganz festen Bürostunden drei Mal die Woche vormittags zu erreichen ist, stets zur Stelle, wenn ein akutes Problem auftritt. So wies etwa die Glocke der Spitalkirche in Deidesheim kürzlich einen Sprung auf. Eine Glockengießerei aus Nördlingen konnte rasch Abhilfe schaffen. Ein andermal konnte sie helfen, als durch den Einbau einer Mobilfunkanlage im Turm Schäden am Geläut entstanden waren.

Müllers gute Kontakte zu Glockengießereien wirken sich überaus günstig auf Zeitraster und zuweilen auch kostensenkend aus. Die Gemeinden wissen das zu schätzen. Ein gutes halbes Dutzend solcher Betriebe sind in der Bundesrepublik noch aktiv, einer davon in Karlsruhe, zwei weitere in der Eifel. Der Glockenguss ist – auch wenn Vorarbeiten und Berechnungen heute durch Computertechnik erleichtert werden – immer noch ein Handwerk in reinem Wortsinn. Bevor der eigentliche Guss erfolgt, sind viele Wochen Vorarbeit nötig. In der Endphase arbeiten die Gießer unter extremsten Temperatur- und Kraftbedingungen. Und bis zum Schluss bleibt der von manchen Unwägbarkeiten flankierte Prozess spannend. Jede neue Glocke, die gelungen ist, wird gefeiert wie ein Ereignis, weiß die Fachbeauftragte.

Entschließt sich eine Kirchengemeinde zur Neuanschaffung einer Glocke, eines Geläuts, so schließt Birgit Müllers Beratung neben den baulichen selbstverständlich auch die musikalischen und theologischen Aspekte mit ein. Welche spezielle Aufgabe soll die Glocke haben? Wie passt die Neuausstattung zu den Geläuten eventuell benachbarter Kirchen? Wie schlagen die Klöppel an? Die Stimmgabel hat Müller jedenfalls immer im Gepäck, ein feines Gehör sowieso. Letzteres ist extrem wichtig, schließlich werden Glocken teiltönig gestimmt. Das bedeutet, dass 16 Tonschritte sauber zu differenzieren sind.

Und natürlich verkündet jede Glocke ihre Botschaft unter ganz eigener Bestimmung. Für die Widmungen, meist am unteren Saum des Mantels eingraviert, stellt Birgit Müller einen Themenkatalog zur Verfügung, gibt aber auch gerne den Rat: „Überlegt euch ein Motto, das euch aktuell besonders bewegt und zur Taufstunde eurer Glocke passt.“ Eine Glaubensaussage des Moments oder ein schönes, stilgebendes Ornament der Kirche seien ja doch persönlicher als ein beliebiger Bibelvers.

Dass Birgit Müller auch über umfassende historische Kenntnisse verfügt, ihr persönliches Glockenlexikon jederzeit abrufbar im Kopf parat hat, überrascht nicht weiter. Gerne hört man zu und lernt. Dass das Samstagabendläuten beispielsweise auf die jüdische Tradition des Sabbats zurückgeht ebenso wie das Elfuhrläuten ursprünglich den Bauern galt, sie rechtzeitig vom Feld zum häuslichen Mittagstisch rief.

An ein betrübliches Kapitel der neueren Geschichte erinnert Müller mit Blick auf den Glockenraubzug der Nationalsozialisten 1942, als die Kirchtürme geplündert wurden und die Glocken zu Kanonenfutter eingeschmolzen werden sollten. „Allerdings waren die Nazis ja sehr gründlich, katalogisierten und verfilmten alle Glocken akribisch“, sagt Müller. Dass der zentrale Schmelzbetrieb im Bombenhagel zerstört wurde, rettete zahlreiche Geläute, die aufgrund der Listen nach Kriegsende wieder in ihre Türme zurückgeführt werden konnten.

Nach 1945 seien Bronzeglocken allerdings nur noch selten gegossen worden, erklärt Birgit Müller. „Obwohl sie fraglos einen besseren Klang haben.“ Man entschied sich vorsichtshalber für den in der Rüstungsindustrie schwer verwertbaren Gussstahl, wie etwa bei der gotischen Stiftskirche in Neustadt. Sie erhielt 1949 ihr siebenteiliges Geläut. Ursinus-, Luther-, Calvin-, Zwingli- und Casimir-Glocke im Südturm tragen auf der Oberfläche die Porträts ihrer Namensgeber. Die beiden großen Glocken – die Kurfürstenglocke und die 14 Tonnen schwere Kaiserglocke – bewohnen den Nordturm. Ähnlich wie der Tower of Westminster in London hat die Stiftskirche ihre eigene Melodie, die zu jeder Viertelstunde über den Dächern der Kernstadt erklingt. Der Text dazu lautet: „Wer half uns in der Not? Wer gab uns das Brot? Wer erlöst vom Tod? Unser Herr und Gott.“ Gertie Pohlit

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