Der 500. Jahrestag treibt seltsame Blüten

von Hartmut Metzger

Hartmut Metzger

Pünktlich zum Beginn des denkwürdigen Jahres 2017, dem 500. seit dem Thesenanschlag Martin Luthers am 31. Oktober in Wittenberg, treibt das große, runde Gedenkjahr der Reformation seltsame Blüten. Wie könnte es anders sein. Schließlich hat die Reformation samt ihren Folgen in den Jahren nach 1517 die Geschichte des sogenannten „christlichen Abendlandes“ im Guten wie im Bösen so stark bestimmt wie kein anderes Ereignis. Und nun versuchen alle, diesem „Super-Mega-Event-Knaller“ gerecht zu werden – obwohl das auslösende Moment der Reformation, die epochemachende Einsicht Martin Luthers, eigentlich in die entgegengesetzte Richtung weist: Allein aus Gnade, und nicht durch irdischen Selbstverdienst wird der Mensch vor Gott gerecht.

Und aufgeregt sind sie jetzt alle. Nur so ist es zu erklären, dass die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland zu irgendeiner Insel hinter Neuseeland fliegt, um in einem Gottesdienst das große Jahr der Reformation als Erste zu begrüßen. Angesprochen auf die Klimabilanz dieser zweifelhaften Unternehmung macht sich Margot Käßmann dann auch noch selbst gerecht und verweist auf eine Einzahlung in den Klimafonds – ein moderner Ablasshandel!

Gut gemeint kommt eben nicht immer gut zum Ziel. So löste die Einladung von Bischof Karl-Heinz Wiesemann zum ökumenischen Gottesdienst der Gebetswoche auf protestantischer Seite einige Irritationen aus, weil es dort eben auch hieß: „Im Gottesdienst bekennen wir freimütig die Sünde der Spaltung als Folge der Reformation und bitten dafür um Vergebung.“ Nun ist allen klar denkenden Christen klar, dass die Sünde der Spaltung angesichts der historischen Fakten nicht nur in ­einem Lager zu suchen ist: dumm ­gelaufen, falsch formuliert, Strich ­drunter. Tut mir leid.

Weshalb muss sich dann aber zum Schluss der Kirchenpräsident für die Kritik der Protestanten an diesem Satz des Bischofs quasi auf Umwegen entschuldigen? Eins ist klar: Dem Bischof ist dieser Lapsus zutiefst peinlich. Schließlich schreiten er und der Kirchenpräsident nicht nur zum Auftakt der Gebetswoche gemeinsam voran. Sie nehmen nach außen und nach innen eine sichtbare und gute Schlüsselrolle in der deutschen Ökumene ein. Im 500. Jahr der Reformation müssen sie sich aber fragen lassen, nehmen sie auch ihre Kirche mit?

Das ist sicherlich nicht für alle ­einfach, wenn aus 500 Jahren Reformation ein Christusfest und aus dem Gedenken an den Thesenanschlag ein Schuldbekenntnis wird, das die Kirchenspaltung in den Vordergrund rückt. Das gibt Probleme: Pfälzer ­Protestanten wollen sich nicht dafür entschuldigen, dass sie protestantisch getauft sind und nicht zur Eucharistie gehen dürfen. Das birgt Zündstoff. Und das ist gut so. Der offene Austausch schafft Gemeinsamkeit. Wann – wenn nicht jetzt? 2017.

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