Das neue Lebensziel

Pfarrer Tilo Brach
Pfarrer Tilo Brach

Andacht zum 2. Sonntag nach Epiphanias

von Pfarrer Tilo Brach

Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jesaja 64, 3): „Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.“ Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.

1. Korinther 2, 1–10

Als Kinder hatten wir unsere Geheimnisse vor den Eltern. Ein Geheimnis ist kostbar. Neue Geschwister in einen Geheimbund aufzunehmen, war ein Ereignis. Nicht jeder war geeignet, und manche hätten auch nicht verstanden, worum es uns ging. Für ein Geheimnis braucht es ein Herz. Manches Geheimnis verliert seine Kraft, wenn der Verstand es betrachtet. Und manchem Verstand erscheint ein Geheimnis wie eine Torheit.

Manches Gefühl, das mich heute umtreibt, werden andere später als meine Dummheit bezeichnen. Aber für mich ist es Teil meiner Persönlichkeit. Torheit oder Wahrheit, Dummheit oder Persönlichkeit. Für manche war Jesus nur eine historische Person, für Paulus war Jesus mehr: Heiland. Gekreuzigt, gestorben, begraben und auferweckt für uns, als Zeichen der Versöhnung. Diese Theorie konnten manche nicht nachvollziehen. Manchen blieb diese Lehre eine große Frage, anderen eine Lüge. Glaube ist ein Geheimnis allemal. Dennoch sollte dieses Geheimnis nicht verborgen bleiben, sondern ans Licht kommen. Es ging Paulus schließlich um einen Richtungswechsel. Es ging um das neue Lebensziel. Aber wie dieses Ziel erreichen? Wie dieses Geheimnis ans Licht bringen?

Paulus entschied sich nicht für philosophische Fortbildungskurse. Er predigte in aller Einfachheit. Aber er lebte mit seiner ganzen Persönlichkeit seinen Glauben. Heute würde man sagen, er war authentisch, einfältig, aber echt. Bis heute ist der Glaube nicht jedermanns Ding. Für mich bleibt es ein Geheimnis, wie Menschen anfangen zu glauben. Feststeht für mich: Glaube entwickelt sich in einer ehrlichen Beziehung.

Dazu fällt mir das „Hoffnungshaus“ von Judith und Wilbirg in Stuttgart ein. Morgens geht Judith in der Regel um 7.15 Uhr aus dem Haus. Ihr Dienst beginnt im Marienhospital gegen 8 Uhr. Sie arbeitet dort als Physiotherapeutin. Verbrennungsopfer, Chirurgie, Intensivmedizin. Der Job füllt sie aus. Nach einem Achtstundentag geht sie im Stadtpark joggen.

Dann folgt das „Ehrenamt“. Einmal die Woche trifft sie sich mit ihren Mitbewohnerinnen in ihrem Haus. Die Sozialarbeiterin Wilbirg, die Krankenschwester Hanna, Aiko, der den ehrenamtlichen Hausmeister macht, sowie Doro, die über ihr wohnt. Sie sind das „Hoffnungshaus-Team“. Das Haus steht an einer Ecke am Leonhardsplatz in Stuttgart. Es hieß früher: „Zum Schatten“. Gegenüber ist die „Sansibar“, der „Uhu“ und „girls, girls“, das Rotlichtmilieu eben.

Jetzt hat das Haus einen neuen Besitzer, erfüllt einen neuen Zweck und trägt einen anderen Namen: „Hoffnungshaus“. Hier werden keine Reden geschwungen. Zuhören, Kaffee trinken, Wohnzimmeratmosphäre sind angesagt. Auch mal ein Brettspiel wird ausgepackt. Fingernägel werden lackiert. Die Physiotherapeutin bietet Massage an. Es wird gemeinsam gelacht, aber auch gemeinsam geweint. So um das Kind, das zur Adoption freigegeben werden muss. Wenn gewünscht, gibt es auch professionelle Beratung.

Kaum zu glauben, es wird beim Brunch-Gottesdienst auch gemeinsam gesungen und gebetet. Im Advent steht eine Krippe im „Wohnzimmer“, wo sich alle versammeln, die von der Sansibar oder von der Straße. Manchmal ist auch Werner, der Türsteher, dabei. Und wenn Judith joggen geht, dann rufen die Frauen ihr zu: Wie geht’s dir.

Warum rufen sie? Weil sie ein Gespräch wollen und es denen vom „Hoffnungshaus“ abnehmen, dass sie es ehrlich meinen. Und warum nehmen sie es denen ab? Weil die nicht große Reden schwingen, sondern mit ihnen leben, Angst haben, weinen, lachen und ein Geheimnis miteinander teilen: Liebe erwächst aus einer ehrlichen Beziehung, und Glaube an Jesus braucht Liebe zum Menschen.

Tilo Brach ist Pfarrer in Winterbach und Oberauerbach sowie Vorsitzender des Evangelischen Gemeinschaftsverbands Pfalz.

Gebet

Gottes Sohn ist kommen uns allen zu Frommen hier auf diese Erden in armen Gebärden, dass er uns von Sünde freie und entbinde. Er kommt auch noch heute und lehret die Leute, wie sie sich von Sünden zur Buß sollen wenden, von Irrtum und Torheit treten zu der Wahrheit. Amen. (aus: EG 5,1–2)

 

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