Gott bleibt unser Vater

Pfarrer Martin Schuck
Pfarrer Martin Schuck

Andacht zum zweiten Advent

von Pfarrer Martin Schuck

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name.

Jesaja 63, 15–16 (17–19; 64, 1–3)

Die Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja klingen merkwürdig fremd, aber auf eine ganz bestimmte Weise auch vertraut. Fremd klingen sie für uns deshalb, weil sie eine massive Anklage an Gott enthalten. In einer scheinbar ausweglosen Lage der Gottesferne will der Prophet Jesaja Gott regelrecht nötigen, von seiner heiligen, herrlichen Wohnung im Himmel herabzuschauen, um das Leid seines Volkes Israel endlich einmal zur Kenntnis zu nehmen

Welch ein Kontrast: Die Israeliten fern der Heimat in der Gefangenschaft in Babylon – Gott dagegen macht es sich in seiner herrlichen Wohnung im Himmel gemütlich. Nichts scheint mehr auf von seinem Eifer, mit dem er in früheren Zeiten die Israeliten aus der Hand ihrer Feinde gerettet hat.

Gottes Eifer für sein erwähltes Volk scheint genauso verschwunden zu sein wie seine Macht. Oder will er diese einfach nicht mehr gebrauchen? Ist Gott nicht mehr barmherzig? So scheint es der Prophet zu sehen. Er vermutet sogar, dass sich die Barmherzigkeit Gottes gegen ihn gewendet hat.

Aber der Prophet weiß, dass er mit seinen harten Vorwürfen bei Gott eh nicht weiterkommt. Will er etwas erreichen, dann muss er ihn auf seine Barmherzigkeit ansprechen. Und das macht er, indem er Gott auf eine Art und Weise anredet, die im Alten Testament sonst nicht üblich ist: Er sagt „Vater“ zu ihm. Genau das ist es, was für uns tatsächlich vertraut klingt. Jesus hat Gott mit Vater angeredet, und wir beten es so im Vaterunser. Aber suchen wir mal im Alten Testament nach Stellen, wo Gott mit Vater angeredet wird. Wir werden kaum fündig werden. Gott ist der Herr, vor dem man Furcht, oder besser: Ehrfurcht hat. Die persönliche und familiäre Anrede Vater hat dagegen kaum ein Israelit in den Mund genommen.

Aber genau damit will der Prophet Gott bei der Ehre packen: Du bist unser Vater, unser Erlöser. Nur auf dich können wir vertrauen. Abraham ist lange tot – von ihm können wir nichts erwarten; auch Israel – gemeint ist Jakob – kann nicht mehr helfen. Aber du Gott, bist unser Vater, und wie ein Vater hast du dich für deine Kinder einzusetzen und darfst nicht zuschauen, wie sie vor die Hunde gehen. Da gibt es für dich, wie für jeden anderen Vater auch, keine Ausrede, nur weil sich die Kinder schlecht benommen haben. Nicht einmal dann kommst du aus der Vaterrolle heraus, wenn die Kinder von dir nichts wissen wollten. In der Not hast du da zu sein und zu helfen, sonst bist du ein schlechter Vater!

Der Prophet hat in seiner Not, in seiner Gottverlassenheit, Gott als Vater angeredet und ihn so förmlich zur Hilfe genötigt. Damit hat er als Prophet Israels Neuland betreten. Die anderen Propheten klagten immer die Starken und Mächtigen, die ihre Macht missbrauchten, im Namen Gottes an, sozusagen als Anwälte der kleinen Leute. Der Prophet Jesaja muss nun die Rolle wechseln. Als Anwalt der Israeliten im Exil muss er Gott anklagen, und er macht das, indem er die ursprüngliche Klage in einen Vertrauensbeweis an Gottes Adresse umwandelt. Wer jemanden, von dem er Hilfe erwartet, mit Vater anredet, kann nicht anders, als diesem Vater zu vertrauen. Für Jesaja ist der Vater der Erlöser, der Einzige, der helfen kann.

Jesus, der sich selbst wohl in der Tradition der alten Propheten verstanden hat, macht diese vertraute Vater-Anrede zum allgemeinen Umgangston, wenn er mit Gott redet. Nicht nur im Gebet redet er Gott als Vater an, sondern er empfiehlt auch seinen Jüngern und allen, die ihm zuhören, Gott wie einen Vater zu behandeln, ihn also auch als Vater in die Pflicht zu nehmen. Von diesem Vater im Himmel könne man in der Not mehr erwarten als von seinem leiblichen Vater, lautet die Botschaft, die Jesus mitteilt.

Es ist einer der größten Schätze des christlichen Glaubens, dass wir Gott als Vater anreden dürfen. Es mögen wohl die Eigenschaften gewesen sein, die man von einem guten Vater erwartete, die zu dieser Anrede geführt haben. In unserem Vers aus dem Jesajabuch kann man förmlich spüren, wie sich der Prophet nach der väterlichen Zuwendung Gottes sehnt. Da wäre es doch schlimm, wenn uns heute diese Möglichkeit der Anrede Gottes verwehrt würde.

Diese Befürchtung ist nicht grundlos, denn während ich über unsere Jesajaverse nachdenke, lese ich eine Meldung, dass die evangelisch-lutherische Kirche Schwedens beschlossen hat, dass Pfarrer in Zukunft nur noch geschlechtsneutral von Gott reden sollen. „Herr“ geht überhaupt nicht mehr, und auch „Vater“ soll auf das Vaterunser beschränkt bleiben und nicht mehr in Predigten gebraucht werden. Wie soll man dann aber über unseren Jesajavers predigen, wenn Gott kein Vater mehr sein darf, weil, wie die Vorsitzende des Gottesdienst-Ausschusses meint, Gott größer sei als das Geschlecht?

Vermutlich wusste auch schon Jesaja, dass Gott größer ist als das Geschlecht. Aber er will doch mit ihm reden. Und ansprechen muss er ihn doch. Und weil er will, dass Gott sich wie ein Vater verhält, nennt er ihn Vater, obwohl das doch damals in Israel nicht üblich war. Deshalb wünsche ich nicht nur den schwedischen Lutheranern, sondern allen Christen den Mut zum Ungehorsam gegen diejenigen, die uns verbieten wollen, Gott unseren Vater zu nennen. Denn Gott ist und bleibt unser Vater.

Dr. Martin Schuck ist Verlagsleiter der Verlagshaus Speyer GmbH.

Gebet

Gott, unser Vater, du stärkst uns durch dein Wort. Du bist der Atem alles Lebendigen, das Gesicht der Liebe, die Kraft der Verwandlung. Führe uns durch diese Zeit und lenke unsern Blick auf das Kommen deines Sohnes, Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

 

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