Der andere Blick

Pfarrer Volker Janke
Pfarrer Volker Janke

Andacht zum Sonntag Jubilate

von Pfarrer Volker Janke

Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

2. Korinther 4, 16–18

„Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist blau.“ Wir fahren mit den Kindern in den Urlaub. Es ist brütend heiß. Drei Stunden haben wir noch. Und schon 100-mal die Frage beantwortet: „Wann sind wir endlich da?“

„Ich sehe was, was du nicht siehst …“ Wenn es gut läuft, kann ich mit diesem Spiel mal wieder eine halbe Stunde überbrücken. Manchmal macht es sogar Spaß, den Blick des anderen einzunehmen. Ich sehe so vieles – und nehme das meiste gar nicht wahr. Jeder hat einen ganz eigenen Blick auf die Welt, auf sich selbst, auf das Leben, auf Gott.

Ich sehe was – ja, was sehe ich denn bei mir? Das kommt auf die Perspektive an. Kommt darauf an, an welcher Stelle des Lebens ich mich befinde. Ich selbst sehe mich mittendrin im Leben. In einer sechsköpfigen Familie ist immer was geboten. Dazu die berufliche Daueranspannung. Der Blick auf das Versäumte und Unerledigte.

Abends schauen wir meistens noch Nachrichten. Wir sitzen da, und plötzlich schreckt einer auf: „Es ist ja schon nach elf.“ – „Hast du das Wetter von morgen mitgekriegt?“ – „Nein, da muss ich schon geschlafen haben.“ Was hab ich über meine Eltern gelacht, wenn sie vorm Fernseher eingeschlafen sind.

Ich sehe was – ja, was sehe ich denn bei mir? Ich bin älter geworden. Und merke, wie mich vieles müde macht, was mich früher herausgefordert hat: Probleme, die ständig zu lösen sind. Das ewig Gleiche, das Jahr für Jahr im Terminkalender steht. Die alten, scheinbar unlösbaren Konflikte, die mich im Pfarrberuf begleiten. Der ständige Kampf mit der fehlenden Zeit und der Fülle von Aufgaben.

Paulus, lese ich zwischen den Zeilen, kennt diese Müdigkeit auch. Keine Lust mehr zu haben. Von allen Seiten bedrängt zu sein. Ihn nerven die Konflikte mit seinen Missionsrivalen. Und die Auseinandersetzungen mit den Gemeindemitgliedern. Er wird verfolgt von den römischen Behörden. Und leidet an einer schweren Krankheit. Wird immer älter und gebrechlicher.

Und schreibt doch: Wir werden nicht müde, denn wir sehen etwas, was andere nicht sehen. Und wir laden euch ein, diesen Blick zu lernen. Ja, was siehst denn du, was wir nicht sehen, lieber Paulus?

Ich sehe was, was ihr nicht seht, und das ist Unsichtbar.

O, das ist schwer. Meinst du vielleicht das, was du alles erlebt hast und erlebst? Deine ganzen Erfahrungen? Meinst du deine Krankheit, die dir zu schaffen macht? Dass du immer älter wirst und spürst, dass das Leben zur Qual wird und du einmal sterben musst?

Nein, das sehe ich nicht. Ich sehe etwas ganz anderes.

Ach, jetzt weiß ich. Du siehst deine Erfolge. Was du aufgebaut hast auf deinen Missionsreisen. Die Gemeinden in Ephesus, in Galatien, in Philippi, in Korinth. Hut ab. Ohne dich gäbe es heute keine Kirche. Das muss dir erst mal einer nachmachen.

Ach, weißt du, auf das seh’ ich nicht. Das hab doch nicht ich geleistet. Die Kraft kam von Gott.

Paulus, dann sag’s halt. Was siehst du? – Weißt du was: Ich sehe Ostern. Die Auferstehung Jesu. Ich sehe das neue Leben aus dem Tod. Ich sehe Gott, der zu Jesus steht und ihn auferweckt. Ich sehe den Glauben, die Begeisterung der Jünger. Und meine eigene Begeisterung. Ich sehe das, was mich verändert hat. Die Liebe Gottes zu uns Menschen. Ich sehe, dass die nicht alt wird und verfällt und abstirbt. Sondern ewig bleibt. Und darum bin ich nicht müde. Und lade euch ein, diesen Blick zu lernen. Mit mir zu sehen auf das Unsichtbare. Euren inneren Menschen Tag für Tag erneuern zu lassen durch diese Hoffnung. Durch den Glauben an das neue Leben, das Gott an Ostern schenkt.

Das ist es also, was Paulus sieht. Mal ehrlich: Dieser Osterblick ist bei mir im Alltag oft verstellt. Verstellt von dem, was vor Augen ist: Aufgaben, Anforderungen, Probleme, Missstände und die Müdigkeit, die sich am Ende eines langen Tages und für viele am Ende eines langen Lebens einstellt.

Paulus bringt mich auf die Spur, anders zu sehen. Dass es mehr gibt als das tägliche Einerlei. Dass dieses Leben mehr ist als ein ständiger Kampf, in dem ich erfolgreich sein muss, um gut zu leben. Ja, dass das Leben mehr ist als nur gut auf dieser Welt und in Erinnerung zu bleiben. Nein, das Leben ist Geschenk. Hat seinen eigenen Wert. Ist unverfügbar. Gehalten. Nicht von mir, sondern von Gott. Und, so rufen es uns die Jünger durch die Jahrhunderte hindurch zu: am Ende auch gehalten im Tod. Auf ewig geborgen in Gottes Liebe.

Dieser Blick ist nicht selbstverständlich. Und nicht zu lernen, sondern Geschenk. Sehhilfe von Gott. Hoffnung, die uns Gott an Ostern schenkt. Die die Müdigkeit vertreibt und den Blick weitet. Den Blick auf die lachenden Eltern bei der Taufe. Auf die glückliche Konfirmandin. Auf das stolze Ehepaar. Auf den vergnügten Opa. Auf die Kinder, die ihren Weg gehen. Wie wunderbar dieses Leben doch sein kann, das Gott uns schenkt. Und wie ich gehalten bin von ihm, durch alle Krisen hindurch.

Ich sehe was, was du nicht siehst. Und das ist wundervoll. Es gibt mir innere Kraft und Wachheit, um die Müdigkeit des Alltags auszuhalten. Und verwandelt sie in Lebensfreude.

Volker Janke ist Dekan im Kirchenbezirk Landau und Mitglied der Kirchenregierung der Evangelischen Kirche der Pfalz.

Gebet

Guter Gott, nicht immer zu schauen auf das, was vor Augen liegt, auf das Schwere im Leben und auf das, was mich müde macht; sondern das Leben zu sehen, das du mir schenkst, jeden Tag und darüber hinaus – diesen wachen Blick schenke mir. Amen.