Einheit ist Geschenk

Pfarrer Frank Schuster
Pfarrer Frank Schuster

Andacht zum 11. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Frank Schuster

Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht. Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, sogar selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne! Denn wenn ich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter. Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben. Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.

Galater 2, 16–21

Schwer hatten sie es miteinander, die beiden Theologen. Da war im Bereich einer alten Religion eine neue jugendliche Sekte entstanden. Da schwirrten unerhörte Ideen durch eine politisch, sozial und religiös aufgewühlte Gesellschaft. Niemand wusste, wie sich diese neue Bewegung im Gefolge des gekreuzigten Mannes aus Nazareth entwickeln würde. Ob sie den Menschen etwas zu sagen hatte, was denen auf ihrem Lebensweg weiterhalf? Petrus und Paulus, die beiden Theologen, mussten nachgerade in Streit miteinander geraten, damit sich die befreiende Kraft der Sache Jesu klären konnte.

Die zentrale Frage, um die es damals ging, ob man zuerst mit allen Konsequenzen Jude werden musste, um danach Christ zu werden, stellt sich heute so gut wie nicht mehr. Aber wie Petrus und Paulus in diesem Streit miteinander umgehen, das kann auch heute noch Mut und Orientierung geben. Denn damals ist das Wunder geschehen, dass die miteinander streitenden Parteien sich nicht voneinander abgespalten haben, sondern zusammengeblieben sind – in gegenseitiger Anerkennung und Hilfsbereitschaft. Entscheidend dabei war: Die beiden Gruppierungen, und damit Petrus und Paulus, einigten sich nicht dadurch, dass einer den anderen auf sein eigenes Glaubenskonzept, auf seine Position festgelegt hat, sondern sie einigten sich darin, dass jeder dem anderen die Meinungsunterschiede um des Evangeliums willen zugestand.

Ihre Gemeinschaft gründete nicht darin, dass sie einer Meinung waren, sondern darin, dass sie sich als jeweilige Andersdenkende annehmen konnten. Sie unterstellten sich gegenseitig nicht dunkle und unehrenhafte Motive, sondern glaubten voneinander, dass es dem jeweils anderen dabei auch wirklich um das Evangelium Jesu Christi und damit um die Befreiung des Menschen geht. Keiner von beiden führte sich als der Stärkere auf, der den anderen mit Machtstrategien niederknüppeln könnte oder möchte. Beide Gruppierungen gestanden sich das volle Christsein zu, gleichgültig, welche Vergangenheit sie hinter sich hatten, eine jüdische oder eine heidnische. Ihre Gemeinschaft wurde so eine echte Einheit im Gottesdienst und in der gegenseitigen Hilfe, in der Liturgie und in der Diakonie.

Petrus war eher der Theologe des Kompromisses, manche nennen ihn daher mit einem Augenzwinkern das Vorbild für Kirchenleitungen bis heute. In der Praxis seines Lebens wollte er seine radikalen theoretischen Einsichten nicht knallhart durchsetzen, was ihm Paulus vorwarf.

Paulus war profiliert und eindeutig in seiner Position. Christus oder das Gesetz – das ist die Alternative. Wer zum neuen Glauben gefunden hat, darf die alten Normen nicht mehr zur Glaubensbedingung erklären. Ihm war aufgegangen: Man kann scheinbar in vollkommener Übereinstimmung mit dem Gesetz sein, und doch tötet man sich selber und die Menschlichkeit ringsum. Daher schreibt er den Gemeinden in Galatien: Das Gesetz tötet – nicht weil seine Inhalte verkehrt wären, nicht weil es ein jüdisches Gesetz wäre; jedes Gesetz tötet, wenn es zum obersten Prinzip des Lebens wird. Es engt ein, schafft keine Freiheit, und vor allem macht es die Selbstachtung, die Würde des Menschen davon abhängig, dass er richtig handelt. Das wird ihm aber nicht gelingen. Nie wird das Gesetz die Angst beruhigen, ob wir wirklich gewollt, berechtigt, angesehen auf dieser Welt sind. So können wir tun, was wir wollen, das Wichtigste und Einfachste im Leben können wir nicht bewirken: das Wort der Gnade, das Wort der Liebe. Dies allein ist die Kraft, die unser Herz so weit macht, dass es Leben schenkt statt Tod.

Nicht Petrus oder Paulus, kein Kompromissler und kein Radikaler, sondern „Christus lebt in mir“ – darin liegt die ebenso kühne wie anspruchsvolle Lösung. Wer das sagen kann, ist lebensfähig, handlungsfähig, liebesfähig geworden, der hat keine Angst mehr vor Konflikten, die ihn innerlich wie äußerlich zu zerreißen drohen. Nur in Liebe und im Gespräch hat die Wahrheit eine Chance. Christus muss in uns einziehen, damit unsere Mitte durch ihn besetzt und damit unverfügbar ist.

Und so könnte die Kirche des Petrus und des Paulus eine Gemeinschaft werden, wo Menschen sich nicht deshalb zusammenfinden, weil sie eine gemeinsame Weltanschauung, eine einheitliche Meinung haben, sondern weil sie einen Gott „haben“, weil sie wissen, dass Christus in ihnen lebt, sie in seiner Liebe zusammengehören und das Verbindende sich damit stets als stärker erweisen wird als das Trennende. Diese Einheit ist nicht theologisch zu „machen“ oder zu leisten, sondern ist ein Geschenk Gottes, der all seinen Menschen gnädig ist und sie liebt.

Frank Schuster ist Pfarrer an der Martin-Luther-Kirche in Neustadt.

Gebet

Gott unseres Lebens, oft wissen wir nicht, wem wir unser Vertrauen schenken sollen, wenn es um Glaubensdinge geht. Wir bitten dich daher um die Klarheit und Offenheit, die Jesus vorgelebt hat, der nun in uns lebt. Dann können wir den Streit um die Wahrheit so führen, dass die Fähigkeit zum Frieden täglich in uns wächst. Amen.