Licht für alle Völker

Pfarrer Thomas Borchers
Pfarrer Thomas Borchers

Andacht zum 17. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Thomas Borchers

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott. Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem Herrn wertgeachtet, und mein Gott ist meine Stärke –, er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

Jesaja 49, 1–6

Da ist einer im Auftrag des Herrn unterwegs. Selbstbewusst und von sich überzeugt tritt er auf. „Hört mir zu! Merkt auf!“ Die Völker in der Ferne und die Inseln sollen ihn hören. Warum?

Weil der Herr selbst ihn berufen hat. Schon lange vor seiner Geburt hat Gott an ihn gedacht, um ihn vom ersten Atemzug an als seinen Knecht in den Dienst zu nehmen. Vollmacht hat Gott ihm mitgegeben. Die Worte, die er im Namen Gottes ausrichtet, haben Kraft. Wie ein scharfes Schwert oder wie ein spitzer Pfeil wirken sie. Bewirken, was sie sagen, sitzen, treffen. So verherrlicht sich Gott!

Das ist die eine Seite. Die andere sind Zweifel. Ist nicht doch alles vergeblich? Lohnt mein Einsatz? Ist es das wert, dass ich mich für die Sache des Herrn verzehre? Zweimal muss er sich selbst vergewissern, dass es richtig ist, Knecht des Herrn zu sein.

Sein Auftrag: Sammeln und zurückbringen, die zu Gott gehören; die eigene oder fremde Wege gegangen sind oder gehen mussten. Das Volk Gottes wieder aufrichten.

Das – und noch viel mehr: nicht nur das Volk Gottes soll heil werden durch seinen Dienst, sondern alle Völker der Erde. „Ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.“

Das Heil, das Gott im Sinn hat, ist universal. Gilt allen Menschen, allen Völkern. Licht soll es werden auf der ganzen Welt. Frieden und Gerechtigkeit sollen herrschen auf dieser Erde. So will es Gott. Um dieses Ziel zu erreichen, beruft er seinen Knecht.

Die ersten Christen kannten die Gottesknechtslieder aus dem Jesajabuch und haben sie mit Jesus Christus in Verbindung gebracht. Sie hatten die Erfahrung gemacht: In diesem Menschen ist Gott selbst gegenwärtig. Was er sagt, hat Vollmacht. Seine Worte treffen, haben Kraft und machen heil.

Die Überzeugung allerdings, dass dieses Licht allen Menschen und Völkern scheinen soll, musste erst mit der Zeit wachsen. Auch bei Jesus selbst. Das Evangelium dieses Sonntags erzählt, wie Jesus lernen musste, dass es zu wenig ist, wenn er nur das Volk Israel im Blick hat. Es ist die Geschichte von der sogenannten „Kanaanäischen Frau“. Eine Frau eben, die keine Jüdin ist und sich doch traut, Jesus anzuschreien nach Hilfe für ihre kranke Tochter. „Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Die Reaktion Jesu: Er ignoriert sie. Sagt kein Wort. Beachtet sie gar nicht. Selbst seine Jünger, so erzählt es die Geschichte, sind verwirrt, dringen in ihn, er möge ihr doch Beachtung schenken. Aber Jesus sieht seinen Auftrag nur im Blick auf das eigene Volk.

Erstaunlich ist es dann, wie hartnäckig die Frau bleibt. Sie gibt nicht auf, ist bereit, sich ganz kleinzumachen. Sie hält an ihrem Vertrauen zu diesem Jesus fest und ringt ihm schließlich seine Zuwendung ab. „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ Und ihre Tochter wurde gesund.

Es scheint, als musste Jesus selbst erst lernen und begreifen: Das Heil, das Gott im Sinn hat, ist nicht nur für sein Volk Israel, sondern auch für diese kanaanäische Frau bestimmt, ja für die ganze Welt. „Ich bin das Licht der Welt!“ Und so sendet er am Ende seine Jünger auch in die ganze Welt. Zu allen Völkern sollen sie gehen und sie lehren und taufen.

Das Heil Gottes soll reichen bis an die Enden der Erde. Dafür braucht es Boten, die seine Heilsbotschaft weitersagen und durch ihr Leben und Handeln Wirklichkeit werden lassen. Der Gottesknecht Jesajas hat sich in diesen Dienst stellen lassen. Jesus hat sich verstanden als Gesandter Gottes.

Und ich? Lasse ich mich als Christ rufen und beauftragen, die frohe Botschaft vom Licht der Welt hörbar und spürbar werden zu lassen auf dieser Erde? Natürlich bin ich nicht das Licht der Welt. Und oft sind meine Zweifel größer als mein Glaube. Und doch will Gott auch durch mich sein Reich in dieser Welt bauen. Dazu brauche ich Mut. Weil die Botschaft vom Heil Gottes manchmal dem entgegensteht, was in dieser Welt zählt und Beachtung findet. Manchmal muss ich als Botschafter Gottes Widerspruch einlegen und gegen den Strom schwimmen.

Dazu brauche ich auch Vertrauen. Gerade weil ich weiß, welch dumpfes und fahles Lichtlein ich oft bin, wenn nicht gar ein Irrlicht. Es ist Gottes Licht, das durch mich hindurch in diese Welt scheint. Es sind seine Worte, die kraftvoll wirken. Er selbst steht an meiner Seite, lenkt meine Schritte, gibt meinen Händen Kraft. Wenn ich darauf vertraue und dann mutig rede und handle in seinem Geist, dann kann es ein wenig heller werden an dem Ort, an dem ich bin.

Thomas Borchers ist theologischer ­Referent im ­Landeskirchenrat.

Gebet

Gott, zu allen Zeiten hast du dir Menschen berufen, dein Heil zu tragen bis an die Enden der Erde. Lass uns heute deinen Ruf hören. Schenke uns dein Wort, dass wir es weitersagen. Erfülle uns mit deiner Liebe, dass wir mit ihr den Menschen um uns herum begegnen. Stärke unseren Glauben, dass wir uns ganz auf dich verlassen. Amen.