Christen in der Welt

Pfarrer Eberhard Cherdron
Pfarrer Eberhard Cherdron

Andacht zum 3. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Eberhard Cherdron

Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln doch in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er selbst ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. Und daran merken wir, dass wir ihn erkannt haben, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll so leben, wie er gelebt hat.

1. Johannes 1, 5–2, 6

Ein Unwort macht seit mehr als zwei Jahrzehnten die Runde: Gutmenschentum. Auch unter Christen wird es bisweilen gebraucht. Etwa wenn im Streit um die Bewahrung des Friedens, um eine gerechte Wirtschaftsordnung oder Veränderungen unseres Lebensstils die Argumente aufeinanderprallen.

Da Christen Realisten sind, müsste sie eigentlich das Unwort „Gutmenschen“ nicht berühren. Sie erkennen es als eine fatale Ideologisierung in den notwendigen politischen Diskussionen. Und Christen können sich dem Hass und seinen Parolen nicht anschließen. Sie haben zu tun, was notwendig ist, im Licht Gottes, das ihnen im Glauben an Jesus Christus geschenkt ist.

Damit beginnt unser Text: Gott ist Licht und in ihm ist keine Finsternis. Doch weiß der Schreiber des Briefs um die Macht der Finsternis und darum, dass sie eine Bedrohung und Verlockung zugleich des Christen ist. Christen sind Realisten und wissen von ihrer Verflechtung in die Welt der Sünde: Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst. Hier nimmt der Text eine der großen Selbsttäuschungen des Christen auf: zu glauben, dass er selbst die Welt der Sünde ein für allemal überwunden habe.

Wie oft sehen wir solche Selbsttäuschungen schon in unserem Alltag. Da begegnen uns Menschen, die von sich selbst überzeugt sind, dass sie nie einen Fehler machen. Die Schuld liegt immer bei den anderen. Wie befreiend könnte es da sein, eigene Schuld einzuräumen und zugleich um die Vergebung zu wissen. Die Kraft der Versöhnung kann ja nur im wechselseitigen Wissen um unsere Schuld wirksam werden.

Doch so oft sind wir selbst in unserem Alltag dazu nicht fähig. Was schon in unserem Alltag schwierig sein kann, ist natürlich auch im Miteinander der Christen und in ihrer Gemeinschaft mit Jesus Christus eine Belastung. Hier stellt der Text klar, dass im Bekenntnis der Sünde Gottes Treue und Gerechtigkeit sichtbar werden. Hier endet der fatale Zusammenhang vom Fluch „der bösen Tat, die fortzeugend Böses muss gebären“. Es gibt das Aufscheinen des Lichtes Gottes, das uns unseren Weg durch das Dunkel dieser Welt zeigt.

Es ist erstaunlich, dass der Text ausdrücklich betont, dass die in Christus geschehene Versöhnung nicht nur den Christen gilt, den Glaubenden, die mit ihm in Gemeinschaft und Verbindung stehen: Christus selbst ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. Das gilt, wie finster auch manches in der Welt noch ist.

Unser Text schließt mit einer Mahnung: Wer sagt, dass er in Christus bleibt, der soll so leben, wie er gelebt hat. In der Kirchengeschichte war Franziskus von Assisi ein Beispiel für solche direkte Nachfolge Christi: Der reiche Kaufmannssohn legte auf dem Marktplatz von Assisi seine schönen Kleider ab, um arm zu werden wie Jesus und in der Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe zukünftig ihm nachzuwandeln.

Ganz anders haben die Väter unserer Kirchenunion vor 200 Jahren diesen Ruf in die Nachfolge Jesu gehört. Mit dem Begriff der Sünde konnten sie nicht viel anfangen, dafür waren sie viel zu sehr davon überzeugt, dass der Mensch dank seiner Vernünftigkeit und seines Willens zum Guten in der Lage ist, mit dem Beispiel und Vorbild Jesu das Richtige zu tun. Und so wurde die letzte Strophe des Lieds „,Mir nach‘, spricht Christus, unser Held“ von ihnen umgewandelt: „Drum will ich, treu dir, meinem Herrn, | nach deinem Vorbild wandeln, | wie du im Kampf der Tugend gern | mit festem Mute handeln. | Denn wer nicht kämpft, trägt auch die Kron’ | des ew’gen Lebens nicht davon.“

Unsere protestantischen Vorfahren in der Pfalz waren tatsächlich von diesem ungeheuren Optimismus geprägt, dass sie mit Jesus als Vorbild „im Kampf der Tugend“ bestehen werden. Wir werden da eher unsere Zweifel haben. Die leidvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt uns so grauenvolles Versagen menschlichen Wollens. Auch wir Christen waren ja in diese Geschichte verflochten, und es ist nicht ausgemacht, ob wir es heute besser machen.

Darum brauchen wir immer wieder den Hinweis auf Gottes Wort, auf seine Gebote, auf die Kraft der Versöhnung, die in Jesus Christus gestiftet ist.

Eberhard Cherdron war bis 2008 Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche der Pfalz.

Gebet

Wir stehen vor dir, Gott, mit allem, was zu uns gehört: mit allen Schwächen und allen Stärken, allen Ecken und allen Kanten. Öffne unsere Herzen und Sinne für das, was du uns sagen willst, damit unser Leben wachsen und sich entfalten kann in deinem Licht und in deiner Wahrheit. Amen.